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Kultur - Identitätsstiftung - Erinnerung

Ukraine im Fokus

Facetten einer europäischen Nation

Das Team - Wer sind wir?

Wir sind fünf Geschichtsstudierende mit Schwerpunkt Osteuropa der Universität Tübingen - Katharina Eisenbarth, Richard Kneer, Sophia Kieß, Carolin Mai und Magnus Pötschke.

Das Projekt - Was machen wir?

Im Rahmen eines Lehrforschungprojektes setzen wir uns über den Zeitraum von einem Jahr intensiv mit der Ukraine auseinander. Teil des Projektes war unter anderem eine Exkursion nach Berlin und ein Gespräch mit dem ukrainischen Botschafter Oleksij Makejev. Dieses Gespräch intensivierte unseren Wunsch danach, mit unserem Projekt einen Beitrag zum Beistand der Ukraine zu leisten. Dabei möchten wir unsere Fähigkeiten als angehende Historiker:innen nutzen und nicht nur etwas zur gegenwärtigen Lage der Ukraine schaffen, sondern auch zu ihrer Geschichte, da Russland eben jene gezielt angreift. Nach einigen intensiven Brainstorming-Sitzungen fassten wir den Entschluss, Projekte zur ukrainischen Kultur, Identitätsstiftung und Erinnerung zu erarbeiten. Da das Lehrforschungsprojekt über mehrere Semester verläuft, handelt es sich hier um ein "work-in-progress". Pageflow ermöglicht es uns, schrittweise das Projekt auszubauen und zu ergänzen. Bisher sind Projekte zur ukrainischen Musik und Film, sowie zu Kunstwerken, Denkmälern und zur Esskultur geplant und in Arbeit.

Über Anregungen, Austausch und Kritik freuen wir uns unter: lfp.ukraine-im-fokus@ifog.uni-tuebingen.de

Buchrezensionen

Als Einstieg in das Thema des Lehrforschungsprojektes haben wir fünf besonders aktuelle oder relevante Bücher gelesen und rezensiert. Sie beschäftigen sich sowohl mit der ukrainischen Kultur und Lebenswelt und zeigen auch ihre Sichtbarkeit sowie die Repräsentation des russischen Angriffskrieges in der Öffentlichkeit. Von wortgewaltiger Belletristik über bewegende Biografien und fesselnde Analysen ist für jede:n etwas dabei.





Sasha Vasilyuk

Der gute Name unseres Vaters

Eine Rezension von Katharina Eisenbarth

Sie (Nina) fühlte sich wie ein Gefäß für das zwanzigste Jahrhundert.

Vom eignen Vater, Gesicht gegen Gesicht, wissen wir, alles wissend, nichts.

Für Jefims Tochter Vita ist diese Zeile aus Evgenij Evtušenkos Gedicht Uninteressante Menschen gibt es nicht mehr als Poesie – sie erweist sich als erschütternde Wahrheit. Schon als Jugendliche fühlt sie sich von diesen Worten angezogen. Doch erst nach dem Tod ihres Vaters 2007 wird klar, wie sehr sie auf Vitas und Jefims Leben zutreffen. In Der gute Name unseres Vaters erzählt Sasha Vasilyuk eine vielschichtige Geschichte über Geheimnisse und die Last der Vergangenheit – und stellt dabei Fragen, die weit über die Familie hinausreichen. Dass die Erzählung nicht nur auf wahren Begebenheiten, sondern auf der eigenen Familiengeschichte Vasilyuks beruht, lässt den Roman bei der Lektüre noch intensiver wirken.

In ihrem Debütroman schildert die amerikanische Journalistin mit ukrainisch-russischen Wurzeln auf 400 Seiten die Geschichte von Jefim, Nina und ihren Nachkommen. Die Handlung beginnt im Jahr 2007 mit dem Tod des greisen Jefims und einem beunruhigenden Fund: Ehefrau Nina und Tochter Vita entdecken im Nachlass ein Geständnisschreiben an den sowjetischen Geheimdienst aus dem Jahr 1984. War Jefim in Wirklichkeit kein heroischer Kriegsveteran des Zweiten Weltkriegs? Die Erzählung springt nun zurück ins Jahr 1941. Aus Jefims Perspektive erleben die Leser:innen die Kriegsjahre. Im nächsten Kapitel startet eine zweite Zeitebene im Jahr 1950: Aus Ninas Sicht erfahren die Leser:innen, wie sie Jefim nach dem Krieg kennenlernt. Diese beiden Erzählstränge führt Vasilyuk, teils mit wechselnden Perspektiven, parallel bis zum Ende des Buchs weiter.

Anfänglich braucht es etwas Zeit, mit den Protagonist:innen und ihrer Gedankenwelt warm zu werden. Dann bleibt der Roman mit seiner Erzählweise durchgehend spannend. Zwar kennen die Leser:innen den Ausgang – Jefim überlebt den Krieg, gründet mit Nina eine Familie, beide werden glücklich zusammen alt. Dennoch sind viele Fragen offen: Wie überlebt Jefim als jüdischer Kriegsgefangener in Deutschland? Wie erhält er nach dem Krieg Veteranenstatus, statt nach Sibirien ins Straflager deportiert zu werden? Hat Jefims Familie die ganze Zeit keinen blassen Schimmer von seinem Geheimnis? Erst nach und nach werden diese Fragen beantwortet: Die Geschichte setzt sich so wie ein Mosaik zusammen. Der Spannungsbogen hält dabei bis zu den letzten Seiten. Intensive Einblicke in Gedanken und Gefühle der Protagonist:innen machen ihre Handlungen und persönliche Veränderungen über die Jahrzehnte hinweg nachvollziehbar. Jefim wird vom überzeugten Kommunisten und Sowjetpatrioten zum Skeptiker, Nina entdeckt schließlich ihre ukrainische Identität.

Zwischen den Zeilen dieses Romans liegt die komplexe Geschichte einer Nation, gespiegelt im Schicksal einer Familie. Vasilyuk wirft einzelne Schlaglichter auf die Jahrzehnte und lenkt dabei das Augenmerk auf wichtige Themen. Der sowjetische Umgang mit Kriegsgefangenen aus der Roten Armee, sogenannten „Ostarbeitern“ und Sowjetbürger:innen, die im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung leben mussten, erfährt eine kritische Aufarbeitung. Anhand von Jefim und Nina, die während der 1940er im besetzten Kyjiv wohnte, lernen die Leser:innen in Deutschland immer noch wenig bekannte ukrainische Schicksale kennen. Jefim ist Opfer mehrfacher Marginalisierung: als Jude, Ukrainer und Kriegsgefangener, der jahrzehntelang darauf bedacht war, seine wahre Vergangenheit geheim zu halten. Die Papiere in seiner Ledermappe verbleiben als

die einzigen Beweise, dass er das Leben gelebt hatte, das er gelebt hatte. […] Die Zeit löschte Dinge aus, machte sie unwiederbringlich, doch hier war es schwarz auf weiß, Tinte auf Papier: das Zeugnis dessen, was er getan hatte.

Bis ins hohe Alter will er das vor seiner Familie verbergen.

Jefims Kriegserlebnisse helfen, die strenge Dichotomie zwischen Gut und Böse aufzubrechen, die im Gedenken an den sogenannten „Großen Vaterländischen Krieg“ in der Sowjetunion und im heutigen Russland inhärent ist. Vasilyuk schreibt in ihrem Nachwort selbst:

Das Schreiben meines Großvaters bot mir den allerersten Einblick in das Schicksal von Millionen Überlebenden, die zwischen zwei totalitären Regimen in der Falle gesessen hatten.

Als einer der Schauplätze des Romans hat Donezk eine aktuelle Bedeutung: Nach dem Euromaidan und der Krim-Annexion im Frühjahr 2014 riefen von Moskau unterstützte, russlandaffine, separatistische Kräfte im Donbas die „Unabhängigkeit“ der sogenannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk aus. Im Zuge der Vollinvasion in die Ukraine 2022 gliederte Russland die sogenannte „Donezker Volksrepublik“ völkerrechtswidrig in die Russische Föderation ein. Wie schon im Zweiten Weltkrieg machen Menschen in den von Russland annektierten ukrainischen Gebieten Kriegs- und Besatzungserfahrungen. Während damals Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden, werden heute ukrainische Kinder nach Russland entführt. Vasilyuk spannt den Bogen bis in das Jahr 2015 und gibt Ninas Reflexionen zum Krieg im Donbas Raum. Mit der Thematisierung paralleler Erfahrungen sensibilisiert sie für den gegenwärtigen Krieg sowie die Fehler ukrainisch-russischer Familien im Umgang mit ihrer Vergangenheit und Identität:

Nina sah ein, dass ihr Sohn, auch wenn er beteuerte, nie Russe geworden zu sein, obwohl er seit den Siebzigern in Moskau wohnte, auch kein Ukrainer war. Obwohl der Krieg seine Heimat, den Donbas, zeriss, lebte er immer noch unter dem Geist der Sowjetunion, wo Russland und die Ukraine untrennbar waren. Anders als er fühlte Nina die eigene sowjetische Identität kippen.

Am Ende ihres Lebens erkennt Nina, dass das Schweigen ihrer Generation falsch war. Dieses Schweigen bricht Sasha Vasilyuk mit ihrem Roman: Historisch fundiert und mithilfe der Memoiren ihrer Großmutter, der realen Vorlage Ninas, spinnt sie eine Geschichte, die wirklich die ihres Großvaters sein könnte.

Sasha Vasilyuks "Der gute Name unseres Vaters" umfasst 400 Seiten und ist 2024 im Droemer Verlag erschienen.



Oleksandr Mykhed

The Language of War

Eine Rezension von Richard Kneer

The Language of War is the words of goodbye.

„The Language of War“ erzählt eine Geschichte über die Entwicklung der ukrainischen Sprache, die sich Stück für Stück der Kriegsrealität annähert. Der Krieg zwingt die Bevölkerung eines Landes dazu, sich sprachlich der neuen Situation anzupassen. So berichtet der ukrainische Schriftsteller Oleksandr Mykhed nicht nur über die Veränderung und Bedeutung der Sprache, sondern er greift auch zwei weitere Themen auf: der Kampf um die ukrainische Kultur und die wachsende Distanzierung der ukrainischen Nation gegenüber Russland, sowie die an dieser Stelle oft verdrängte Tatsache, dass die russische Vollinvasion nicht den Beginn des Krieges gegen die Ukraine darstellt. Diese drei ineinandergreifenden Themen bilden eine kapitelübergreifende Struktur im Buch und prägen die Leseerfahrung von „The Language of War“.

Die language of war, die Sprache des Krieges symbolisiert die kriegsbedingte Veränderung der Sprache im Alltag der Ukrainer:innen und markiert den Wechsel in der Bedeutung und der Relevanz des Gesagten. Das, was vorher wichtig war, ist es nun nicht mehr; das Leben teilt sich jetzt in die Zeit vor der Vollinvasion und in die Zeit danach. Diese weitreichenden Änderungen werden im Buch zum einen durch ein Kriegstagebuch und autobiografische Segmente Mykheds, zum anderen durch die Eindrücke von vier Gesprächspartner:innen beschrieben, die ihre Erfahrungen des Krieges mitteilen. In regelmäßigen Abständen durchbrechen gesonderte Kapitel über die russischen „War Crimes“ die Lektüre. Sie illustrieren durch die nüchterne Beschreibung der Gräueltaten, die Brutalität der russischen Invasionsarmee. Der erste Eintrag in Mykheds Kriegstagebuch entstand am 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Einmarschs, der letzte stammte aus dem März des Jahres 2023.

Als Autor und Kulturschaffender ist es Mykhed in der Zeit des Kriegs wichtig, vor allem die Resilienz der ukrainischen Kultur und Sprache zu thematisieren, um die russische Vollinvasion überleben zu können. Denn es sind Sprache und Kultur, die einen großen Beitrag zur ukrainischen Identität leisten und deshalb besonderen Schutz vor dem russischen Angriffskrieg bedürfen.

Die language of war durchläuft eine vielseitige Entwicklung. Es geht sowohl um sprachliche Veränderungen als auch um eine neue Wahrnehmung der Realität, an die sich die Sprache anpasst. Die symbolic language of war beschreibt zerstörte Straßen und ausgebrannte Autos, die zum neuen Alltag in der Ukraine gehören. In eingehender Weise schildert Mykhed zudem seine eigene essenzielle Erkenntnis, wie der Krieg dazu führt, immer häufiger über Kollegen, Nachbarn, Freunde und Familie in der Vergangenheit zu reden. Diese beschreibt die Tragik, wie der Krieg mit aller Gewalt in das Leben der Menschen einbricht, ihnen Leid und Verlust zufügt.

The language of war is when, working on the book, you change the present tense into the past tense. Because those you are talking about are perishing.

Die Sprache des Krieges spiegelt den ukrainischen Patriotismus wider. Soldat:innen werden als „heroes“ bezeichnet. Das patriotische Bild der ukrainischen Armee dient dazu, den unermüdlichen Verteidigungswillen der Ukraine darzustellen. Teil der patriotischen Sprache ist die wachsende Abneigung gegenüber Russland, die mit der Annexion der Krim im Jahr 2014 an Dynamik gewinnt. Seither liegt wegen der Furcht vor einem militärischen Einmarsch Russlands ein stetig wachsender Schatten über dem Leben in der Ukraine. Mit der russischen Vollinvasion hat die Verachtung gegenüber der russischen Führung und vor allem gegenüber der russischen Gesellschaft mehr um sich gegriffen. Zwar ist es das Regime, das die Anweisungen gibt, jedoch werden diese vom russischen Volk getragen. Auch sind es die russischen Soldaten und Offiziere, die Häuser der ukrainischen Familien plündern und ukrainische Frauen vergewaltigen.

Der russische Angriffskrieg zielt auf die Auslöschung ukrainischer Kunst und Literatur als wichtige Identitätsanker. Diese offensichtliche Zerstörungsabsicht beförderte jedoch in Form der Gegenwehr die ukrainische Identitätsbildung, um die eigene Kultur zu bewahren. Dieser Selbstbehauptungswille wirkt als mächtige Kraftquelle der bewundernswerten ukrainischen Wehrhaftigkeit und Resilienz. Als Schriftsteller liegt Mykhed viel daran, die tragende Rolle der ukrainischen Kultur herauszustellen.

„The Language of War“ gibt auf 280 Seiten einen aufklärenden und immersiven Einblick in den ukrainischen Kriegsalltag. Deutlich wird, wie Sprache, Kultur und Identität ineinandergreifen und sich wechselseitig in ihrer Entwicklung bestärken. An der ein oder anderen Stelle könnte das Buch dem:der Leser:in repetitiv erscheinen; tatsächlich spiegelt dieser Eindruck jedoch die tragischen Umstände in der Ukraine und die anhaltende Grausamkeit der russischen Kriegsführung wider. Die Lektüre hinterlässt bei den Lesenden vor allem eines: den Eindruck einer starken, resilienten und zusammenstehenden ukrainischen Nation, die ihre Freiheit, ihre Identität und ihre Kultur trotz aller Leid- und Verlusterfahrungen mit aller Kraft zu verteidigen weiß.

Oleksandr Mykheds "The Language of War" umfasst 280 Seiten und ist 2024 bei Penguin Books erschien.

Hryhir Tjutjunnyk

Drei Kuckucke und eine Verbeugung

Eine Rezension von Carolin Mai

Wo man Kummer hat, Sohn, da ist kein Platz für Wut. Da ist nur Kummer.

Mit "Drei Kuckucke und eine Verbeugung" wurde 2024 erstmals ein Werk des ukrainischen Schriftstellers Hryhir Tjutjunnyk in die deutsche Sprache übersetzt, das als Kurzgeschichtensammlung posthum schon 1981 erschienen war. Heute gilt Tjutjunnyk als einer der wichtigsten Autor:innen in der Ukraine; Sein Schreibstil und seine Ausdrucksweise haben eine ganze Generation geprägt. Bis heute erfreuen sich seine Werke großer Beliebtheit, da er mit seinen Werken für die Wiederentdeckung einer nationalen, ukrainischen Identität steht. Tjutjunnyks Geschichten zeichnen sich durch ihren zeitlosen Charakter aus – sie behandeln universelle menschliche Themen wie Liebe, Familie, Verlust und Identität.

Geboren 1931 in dem Gebiet Poltava erlebt Tjutjunnyk als Zweijähriger den Holodomor, den in der Stalinzeit herbeigeführten Hungergenozid. Bei dieser menschengemachten Tragödie starben fast vier Millionen Ukrainer:innen den Hungertod, so auch sein Großvater. Er selbst verliert die Fähigkeit zu laufen, zu sprechen und zu lachen. Vier Jahre später wird die Familie Opfer von Stalins Großen Terror. Sein Vater wird als „Volksfeind“ zur mehrjährigen Haft in einem Straflager verurteilt, Tjutjunnyk sieht ihn nie wieder. Als seine Mutter einen neuen Mann findet, bringt sie ihren Sohn bei Onkel und Tante unter. Der Onkel kämpft im Zweiten Weltkrieg an der Front, auch ihn sieht Tjutjunnyk nie wieder. Nach dessen Tod kann seine Tante Tjutjunnyk nicht weiter ernähren und schickt ihn zurück zur Mutter. Zwei Wochen lang durchquert er als kleiner Junge die von Krieg, Kälte und Hunger gezeichnete Ukraine. Früh muss er lernen, sich um sich selbst zu kümmern. Tjutjunnyk leistet Wehrdienst bei der Marine, arbeitet in einem Eisenbahndepot und holt dann auf der Abendschule den höheren Schulabschluss nach. Anschließend studiert er in Charkiv russische Literatur und Sprache. Zu Beginn verfasste er seine Geschichten noch auf Russisch; Durch seinen älteren Halbbruder, ebenfalls ein Schriftsteller, findet er zur ukrainischen Sprache.

Wisse einfach, Bruder, dass die Seele eines Volks die Sprache ist. Wie willst du über die Ukrainer schreiben, wenn du es nicht in ihrer Sprache tust, wie ihrer Seele Ausdruck verleihen, wenn nicht mittels ihrer Seele, ihrer Sprache?

Vom Ruhm um seine Person und der Anerkennung seines Schreibstils erfährt Tjutjunnyk zu seinen Lebzeiten nicht mehr. Zwar nicht offen systemkritisch, aber mit subtilem Unterton und nicht ganz in den Stil der Zeit passend, wird Tjutjunnyk von den Kulturkreisen ausgeschlossen. Es hagelt schlechte Rezensionen, er wird schikaniert, seine Literatur nicht anerkannt. Immer mehr versucht er seinen Kummer im Alkohol zu ertränken. Am 6. März 1980 beendet er sein Leben. Neun Jahre später erhält er post mortem den Taras-Ševčenko-Preis, die höchste Auszeichnung für Kunst- und Kulturschaffende in der Ukraine.

Die von Beatrix Kersten übersetzte Kurzgeschichtensammlung ermöglicht einem deutschsprachigen Publikum erstmalig einen Zugang zu Tjutjunnyks Werk. 13 Kurzgeschichten umfasst die Sammlung, ein Nachwort und ein Glossar ergänzen das Buch. Der Titel "Drei Kuckucke und eine Verbeugung" ist Kurzgeschichte und ukrainische Redewendung zugleich. In dieser Erzählung schickt der Vater des Protagonisten seiner Verflossenen Marfa aus dem sibirischen Lager drei Kuckucke und eine Verbeugung. Damit signalisiert er Marfa, sie solle ihn endlich vergessen, da er ihre Liebe nicht erwidere. Gleichzeitig bittet er sie damit um Vergebung.

Gerade die kürzeren Geschichten stechen heraus. Während längere Erzählungen sich stellenweise ziehen und sich Charaktere flach anfühlen, erweckt Tjutjunnyk in den kurzen Erzählungen so vielschichtige Protagonist:innen zum Leben, wie es manch einer nur in dicken Schmökern zu schaffen mag. Zwar sind die Kurzgeschichten voneinander losgelöst und stehen für sich, dennoch treten immer wieder verwandte Themen und Motive auf. In großen Teilen spielen sie im Mikrokosmos des ukrainischen Dorfes. In der ländlichen Gemeinschaft konnte die ukrainische Identität überdauern und ihre Traditionen, Kultur und Sprache bewahren. Immer wieder schreibt der Autor über die „Heimkehrenden“, die nach kurzer oder längerer Abwesenheit zurück in die vertraute Heimat kehren. Oftmals blicken sie von oben auf die Dorfbewohner:innen herab. Sie grenzen sich durch ihre Lebensart und die von ihnen gesprochene russische Sprache ab. Nach kurzer Zeit wird den Lesenden bewusst, dass das Leben in der Stadt zwischen Fabriken, Qualm und Motorenlärm wohl doch nicht so glamourös ist, wie von den Heimkehrenden behauptet wird. Ohne dabei das Dorfleben zu romantisieren, erweckt Tjutjunnyk verschiedene Dörfer und ihre Bewohner:innen zum Leben. Er schneidet Themen wie die Zwangskollektivierung, die sowjetischen landwirtschaftlichen Großbetriebe, die Kolchosen und das Zaristische System an. Der Handlungsort erlaubt es ihm auch, ukrainische Hochzeitsbräuche, Traditionen und das dörfliche, familiäre Zusammenleben zu thematisieren.

Weitere Motive in Tjutjunnyks Werken sind der Krieg mit dem Fokus auf die Hinterbliebenen, auf die Hungersnöte und das Leben im sowjetischen Regime. Die Erzählungen sind ineinander verflochten. In „die Medaille“ etwa begleiten die Lesenden den gebrechlichen Danko, der als Kriegsveteran für seine Dienste im Zweiten Weltkrieg ausgezeichnet und geehrt wird. Mühsam schleppt sich der vom Alter gezeichnete Mann aus seinem kleinen zugigen und von Kälte durchzogenen Haus in das Gemeindezentrum. Dort wird er mit großem Tamtam und in allen Ehren empfangen. Nach der feierlichen Auszeichnung kehrt er in sein heruntergekommenes Haus zurück, legt die Medaille achtlos zu den zahlreichen anderen Abzeichen hinzu und entdeckt voller Freude einen Sonnenblumenkern in einer Dielenspalte. Der vom Regime anerkannte Kriegsheld ist ein Posterideal und leidet an Armut, Kälte und Hunger. Geschichten wie diese verdeutlichen Tjutjunnyks Schreibkunst: Offent kritisiert er das Sowjetregime nicht; Mit Metaphern umgeht er die sowjetische Zensur. Subtil deutet er Armut und Hunger, die Unterdrückung und Verfolgung an, die in der Sowjetuniondas Leben prägen.

Tjutjunnyks große Stärke ist es, mit seinen Worten Bilder zu weben. Lebhaft und eindrücklich flicht er visuelle Spaziergänge durch seine Werke. Darin begleiten die Lesenden den Ich-Erzähler beispielsweise bei einem abendlichen Spaziergang durch das ländliche Idyll der Ukraine:

Nachts ging der alte Tereschko aufs Steilufer hinauf, um überm Wasser des Dnipro aus nächster Nähe dem Mond zuzusehen, wie der eine lange, rote Brücke über den Fluss ausspannte, so tiefrot und in einer ruhigen Nacht ohne Wellen so solide, dass man sie hätte betreten mögen und gehen, gehen bis zum Rand, bis zum Rand des Lebens… Tereschko ist lange her schon über diese Brücke gegangen.

Mit wenigen Worten gelingt es dem Autor, malerische Impressionen und kleine Welten zu kreieren. So macht er alltägliche Momentaufnahmen zu etwas Einzigartigem. Insbesondere die kurzen Erzählungen stechen hervor, die einen mit ihren mitfühlenden Einzelkämpfern und „Wunderlingen“ in ihren Bann ziehen und mitfühlen lassen Drei Kuckucke und eine Verbeugung ist allen zu empfehlen, denen solch prosaische Literatur gefällt:

Ein Spinnennetz glitzert, alt, verfilzt, von der Sorte, wie es nicht einmal der Wind mehr zerreißen kann, höchstens ein Spatz, sollte er es mit dem Flügel streifen. Dann raschelt das Spinnennetz und entlässt zwei funkelnde Rinnsale auf den Boden.



Hryhir Tjutjunnyks "Drei Kuckucke und eine Verbeugung“ umfasst 13 Erzählungen, auf 220 Seiten und ist 2024 im Weissbooks-Verlag erschienen.





Julian Hans

Kinder der Gewalt - Ein Portrait Russlands in fünf Verbrechen

Eine Rezension von Sophia Kieß

In Russland aber gehört die Verehrung der Gewalt seit den 1990er Jahren zur Leitkultur.

Der Massenmord auf der Familienfeier des Agrarunternehmers Serwer Ametow erschüttert eine Kleinstadt in der südrussischen Provinz. Ametow muss zusehen, wie seine Gäste erstochen und die Kinder erwürgt werden, bevor die Mörder auch ihn töten. Die Täter: ein krimineller Clan um die Familie Zapok. In den 90ern erledigte die Kampfsporttruppe die Drecksarbeit für korrupte Geschäftsopportunisten und riss in den folgenden Jahrzehnten die Kontrolle über fast den gesamten Ort an sich. Sie terrorisieren und demütigen die Bevölkerung und vergewaltigen die Frauen. Kommen sie dennoch in Konflikt mit dem Gesetz, attestiert ihnen die psychiatrische Spezialklinik Unzurechnungsfähigkeit. Als der Anführer der Bande ermordet wird, führt die oberste Richterin des Gebiets den Trauerzug an.

Während Nikolaj Zapok als „Kolja der Wahnsinnige“ die Herrschaft mit Brutalität durchsetzt, bekommt sein Bruder Sergej einen Doktortitel in Soziologie verliehen und steht bei Dmitrij Medvedevs Amtsantritt im Kreml Spalier. Nehmen junge Frauen den Mut zusammen, über die Vergewaltigungen zu sprechen, so empören sich die Menschen vor Ort nicht etwa über die Täter oder den fehlenden Strafvollzug. Stattdessen werden die Opfer beschuldigt, durch ihre öffentliche Aussagen Schande über ihre Familien zu bringen. 

Ähnlich ergeht es Krestina, Angelina und Maria Chatschaturjan, drei Schwestern aus Moskau, die 2018 ihren Vater im Schlaf ermorden. Er hatte sie jahrelang als Haussklavinnen tyrannisiert und sexuell missbraucht. Der sadistische Vater hält sich für einen gottesfürchtigen Mann, seine Arbeit beim FSB schützt ihn vor dem Jugendamt und der Verkehrskontrolle. Der Fall, in dem die jungen Frauen in ihrer verzweifelten Notwehr das Muster der Gewalt umdrehen, erschüttert das Land – und macht sie zur Zielscheibe einer medialen Schlammschlacht, in der sie perfiden Beleidigungen ausgesetzt und für den Tabubruch des Vatermords diffamiert werden.

Mit diesen sowie drei weiteren Fällen, die das gesamte Land bewegten, bietet Julian Hans in seinem "Kinder der Gewalt – Ein Porträt Russlands in fünf Verbrechen", das 2024 bei C.H. Beck erschien, ein erschreckendes Panorama der alltäglichen Gewalt in Russland. Auf knapp 250 Seiten wirft der langjährige Moskaukorrespondent der Süddeutschen Zeitung Schlaglichter auf zentrale Themen der russischen Gegenwart wie häusliche Gewalt oder Machtmissbrauch. So zeichnet er das Ausmaß der Gewalt und die Reaktionen einer traumatisierten Gesellschaft nach. Da der Staat selbst zu einer kriminellen Struktur geworden sei, könne seine Analyse Antworten auf einige Fragen geben, über die sich die politische Öffentlichkeit seit geraumer Zeit den Kopf zerbricht: Woher kommt die Gewalt in der russischen Gesellschaft und den Streitkräften? Wie konnte es dazu kommen, dass die Zivilgesellschaft dieses Regime nicht nur erduldet, sondern auch mitträgt und bereitwillig in den Krieg zieht? Und wie ist es möglich, dass die russische Bevölkerung trotz jahrzehntelanger Gewalterfahrung am eigenen Leibe kaum Empathie für die Opfer in der Ukraine aufbringt?

Die Frage nach einer Gewaltkultur Russlands ist bei Weitem nicht neu. Mit seinem zugänglichen Schreibstil und seiner langjährigen Expertise gelingt es Hans jedoch, ohne voyeuristische Faszination für „das böse Russland“ die wichtigen Entwicklungslinien der Gesellschaft seit den 90er Jahren sowie die Parallelen zwischen privater und außenpolitischer Gewalt greifbar zu machen. Der rote Faden der jüngsten Geschichte Russlands ist dabei eine Blutspur von Grozny über Aleppo bis Mariupol und Buča. 2017 wurde häusliche Gewalt in Russland entkriminalisiert, unter einem Präsidenten, der am Vorabend der Vollinvasion 2022 in einem Gespräch mit Macron eine Vergewaltigungsmetapher für die Ukraine gebrauchte.

Ob du es willst oder nicht, du wirst es hinnehmen müssen, meine Schöne.

Putin

Das System Putin erhob den brutalen Gopnik – ein stereotypisierter Jugendlicher, der sich durch Gossensprache, Kleinkriminalität und Homophobie auszeichnet – zum Männlichkeitsideal und etablierte Gewalt als „sozial anerkannte Norm“ sowie als „Mittel der Interaktion zwischen Regime und Bevölkerung.“ Die Bürger:innen hätten in den letzten drei Jahrzehnten nie erfahren, dass jemand für ihre Rechte einsteht und sie verteidigt, so Hans. Stattdessen herrsche systematische Straffreiheit unter den Tätern, während den Opfern Gerechtigkeit versagt wird. Seit dem Krieg gegen die Ukraine ist das Regime auf die zunehmend Straffreiheit angewiesen, da sich verurteilte Gewalttäter durch den Militärdienst von ihrer Strafe befreien können. Daraus resultiere laut dem Autor die weit verbreitete apolitische Haltung und eine Geringschätzung für das eigene Leben und das Anderer. 

Hans sieht aber auch Grund zur Hoffnung. In Gesprächen mit NGO-Vertreter:innen oder mutigen Bürger:innen zeigt er, wie generationelle Gewaltmuster überwunden werden können. So startete Denis Karagodin, dessen Urgroßvater vom sowjetischen Geheimdienst NKWD ermordet worden war, eine öffentlichkeitswirksame Suche nach den Tätern. Und tatsächlich meldete sich bald Julia, die Enkelin eines verantwortlichen Gefängnisdirektors, bei ihm. Als Karagodin mit einem Preis für seine zivilgesellschaftliche Initiative ausgezeichnet wird, widmet er ihn Julia und ihrem Mut, sich ihrer Familiengeschichte zu stellen. Jedoch habe der Krieg die Gesellschaft bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte um Generationen zurückgeworfen.

Immer wieder spannt Julian Hans den Bogen von Russlands inneren Verfasstheit, das in allen Bereichen von Gewalt durchdrungen ist, zur außenpolitischen Aggression, durch die sich der Kreislauf der Gewalt fortsetzt. Vor diesem Hintergrund kann das Buch auch als Mahnung gelesen werden: An der ungesühnten russischen Alltagsgewalt sehen wir, was passiert, wenn man das Recht des Stärkeren gewähren lässt. Dieser Prozess der Einschüchterung und des kollektiven Wegschauens darf sich auf der Weltbühne nicht wiederholen. Damit kritisiert Hans auch die in Deutschland verbreitete Ansicht „Der Russe braucht eben eine harte Hand“ als rassistisches Klischee, das es erlaube, die Augen vor den tatsächlichen Entwicklungen der russischen Gesellschaft zu verschließen.

Julian Hans leistet mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag dazu, die Erfahrungen und Debatten der russischen Gesellschaft einer breiten Leser:innenschaft zugänglich zu machen und so gleichzeitig die entfesselte Gewalt der russischen Streitkräfte zu kontextualisieren. Er erweitert den Diskurs um „Putins Krieg“ und gibt den Blick frei auf tiefsitzende Probleme, die eine Hypothek für die Zukunft darstellen.  

[Denn a]uch wenn Putin nicht mehr im Kreml sitzt - die Gesellschaft tritt nicht ab.

Julian Hans' "Kinder der Gewalt - Ein Porträt Russlands in fünf Verbrechen" umfasst knapp 250 Seiten und ist 2024 bei C.H.Beck erschienen.



Olena Stjaschkina

Der Tod des Löwen Cecil ergab Sinn

Eine Rezension von Magnus Pötschke

In einer globalisierten Welt, in der die Menschen nicht mehr an einen Ort gebunden sind, bringt der Krieg das Konzept einer Heimat zurück.

Ein Krankenhaus in Donezk, Entbindungsstation, ein Tag im Jahr 1986. Kinder kommen zur Welt, Ärzte eilen auf Korridoren, Eltern verlieren den Kopf. Ernst Fink, Kommunist mit deutschen Wurzeln, ist mit einem Fotografen der Lokalpresse gekommen. Im Gepäck: eine Dreizimmerwohnung, ein Auto, mehrere Teppiche, Küchengeräte. Er will die Eltern von zwei Neugeborenen überzeugen, ihre Kinder zu Ehren des legendären deutschen Kommunistenführers Ernst Thälmanns auf die Namen Ernest und Thelma taufen zu lassen. Doch trotz der überzeugenden materiellen Argumente wird das schwieriger als gedacht.

Olena Stjaschkinas Roman beginnt so abrupt wie unverhofft und schleudert uns mitten hinein in eine absurde Geschichte. Was nämlich, wenn die Eltern gar nicht wollen, dass ihr Kind nach einem deutschen Kommunisten benannt wird? Was, wenn sie es lieber in ein Kloster geben würden? Was, wenn der Kommunismus schon wenige Jahre später jeden Glanz verloren hat, an den Ernst bis an sein Lebensende glaubt? Stjaschkina verwebt in ihrem Roman verschiedene Geschichten und knüpft aus den unterschiedlichen Personen einen Handlungsteppich von den 1980er Jahren bis heute. Dabei verwischen die Zeiten und die Orte. Einerseits ist man unterwegs mit dem mittellosen Studenten, andererseits mit der reichen Zahnarztgattin. Genau weiß man nie, wer voneinander weiß. Wie Schlaglichter in einem Wimmelbild setzt das Buch die Akzente auf seine Figuren. Was sie alle verbindet, ist ihre Heimatstadt. Donezk scheint durch alle Handlungsstränge, sei es im Trolleybus, im Mercedes, zu Fuß, sei es in der Uni, im Park, in der Villa, im Bergwerkschacht. Und: Donezk ist keine Schönheit, Donezk ist das stählerne Herz des industriegeprägten Donbass.

Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Region seit April 2014 wird Donezk zur Frontstadt und der Krieg allgegenwärtig. Jungen werden zu Soldaten, Ärzte behandeln plötzlich Schussverletzungen. Aber nicht nur das Leben der Personen in Stjaschkinas Roman verändern sich. Auch die Sprache reagiert auf die Aggression. So werden die Kapitel, die nach 2014 spielen, auf Ukrainisch erzählt. Die Dialoge wechseln zwischen den beiden Sprachen hin und her. Die Übersetzung kennzeichnet die verwendete Sprache zu Beginn jedes Absatzes:

[auf Russisch] „Genja, ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass mein Stefan keine gelben Chrysanthemen mag.“ [auf Ukrainisch] „Lachst du etwa? Wenn ich mich mit meinem Sohn streite, dann immer nur auf Ukrainisch. Der weiß das schon: Wenn ich die Sprache wechsle, dann steht ihm nichts Gutes bevor. Aber beim Arzt oder beim Friseur, da spreche ich Russisch. Und mit Stefan – mal so mal so.“

Die Sprache wird durch die russische Aggression zum alltäglichen Stolperstein. Sprechen ist angesichts der gelebten Zweisprachigkeit eine Alltagsgewohnheit: Unbewusst spricht der eine Russisch, ein anderer Ukrainisch, manch einer wechselt mit jedem Satz. Jeder Sprecher allerdings legt nach dem Beginn des Krieges seine Worte auf die Goldwaage. Das ist besonders auch eine schwierige Arbeit für einen Übersetzer, weswegen Jakob Wunderwald der deutschen Ausgabe ein ausführliches Glossar der Metaphern hinzugefügt hat. Hilfreich ist das vor allem, wenn man nicht jede russische oder ukrainische Redewendung direkt erkennen kann. Den Spaß beim Lesen nimmt das aber nicht. Schließlich zeigt das Buch dadurch all die Widersprüche, die sich aus der Mehrsprachigkeit der Stadt Donezk ergeben.

Da sind zum Beispiel die ukrainischen Volksmärchen. Denn die Stahlfabriken des Donbass, entstanden unter der sowjetischen Herrschaft, stehen in Stjaschkinas Geschichte den alten ukrainischen Sagen und Fabeln gegenüber. Die Großmutter von Ernest, eigentlich Zugschaffnerin auf der Strecke nach Kiew, erzählt ihrem Enkel von der Baba, dem Geist der Stadt. Die Baba spricht Ukrainisch, sie begleitet Ernest und Thelma fortan durch die Geschichte. Doch die Baba ist launisch und verleiht ihrem Missmut mit aufbrausendem Charakter gerne auch mal Ausdruck:

[auf Ukrainisch] Sie lächelte und fragte: „Warum sehen wir eigentlich die Jungfrau Maria nicht? Wir sehen nur diese Baba mit ihrem Geschimpfe, warum keinen Jesus?“

„Ich zeig euch die Jungfrau Maria!“, keifte die Baba. „Ihr habt ja vollkommen den Verstand verloren mit euren lasterhaften Mäulern. Ist es die Jungfrau Maria, die euch beim Herumhuren fehlt? Wollt ihr die ins Grab bringen? Ihr bösartigen Bettelkinder!“

Der Geist spiegelt die Erzählweise des Buches. Die chaotische und unterhaltsame Tour de Force durch die ukrainische Geschichte ist jedoch weitaus mehr als nur komisch. Ungeschönt und vielseitig bekommen wir alles zu lesen, was ukrainische Erinnerung und Gedächtnis ausmacht, mit all den damit verbundenen Freuden und Schmerzen. Der Titel weist dabei auf die widerrechtliche Tötung des Löwen Cecil in einem Nationalpark in Zimbabwe im Jahr 2015 hin. Diese hatte große internationale Solidarität zur Folge und verdrängte damit die Berichterstattung über den im Vorjahr begonnenen Krieg in der Ukraine. Sinn ergab das für die Ukrainer und Ukrainerinnen nur in der schmerzlichen Erkenntnis, dass man sie ein ums andere Mal vergessen hatte. Sinnbildlich stand der Löwe Cecil für das abnehmende Interesse der Weltöffentlichkeit an der Verletzung der Souveränität der Ukraine, an dem Angriff auf ihre Kultur und Identität. Wie kann man Krieg in Worte fassen, wenn niemand hinhören will? Die Gleichgültigkeit des Westens verletzt die gesamte Ukraine und überlässt das Land seiner Hilflosigkeit – nicht zuletzt das zeigt sich in Stjaschkinas Roman.

Donezk ist die Kulisse eines Stückes, in dem der Leser mit jedem Kapitel ein weiteres Mosaiksteinchen sammelt. Am Ende jedoch bleibt das Bild unvollständig und rasterhaft, wie der Stadtplan einer zerstörten Stadt. Dennoch, „Der Tod des Löwen Cecil ergab Sinn“, ist viel mehr als ein Kriegsroman. Es ist die Geschichte von Menschen zwischen Aufbruch und Reaktion. Sowjetimperium und Ukraine, Armut und Reichtum. Ernest und Thelma, die unterschiedliche Wege einschlagen und doch die gleichen historischen Ereignisse erleben, stehen stellvertretend für die ganze ukrainische Gesellschaft. Beide zieht es in ihrem Leben ins Ausland, den einen nach Osten, die andere nach Westen. Und auch erkennen die beiden erst mit dem Krieg, was Donezk für sie bedeutet. So ist der Roman nicht zuletzt eine Geschichte über Identität in Zeiten des Krieges – in so vielen Facetten wie nur irgend möglich.

Olena Stjaschkinas Roman: „Der Tod des Löwen Cecil ergab Sinn“ hat 270 Seiten und ist im Mauke-Verlag erschienen.





Katharina Eisenbarth

Ukrainisch? Jüdisch? Deutsch? Europäisch?

Evgeni Orkins „Annes Passion“ – Vertonung des Tagebuchs der Anne Frank

Wenn man mit der Musik diese Grausamkeit, diese Tragödie, diesen Schmerz wahrnimmt, dann ist es wie eine Impfung. Man kriegt ganz wenig Krankheit, damit der Körper das bewältigen kann und auf die große Krankheit dann tatsächlich gewappnet ist. Wenn man diese Dinge wahrgenommen hat, besteht eine Hoffnung, dass man das in echt nicht ausleben will, dass man dagegen ist.

Evgeni Orkin

So sieht der Komponist Evgeni Orkin die Rolle der Musik für die Erinnerungskultur. Mit seinem Oratorium „Annes Passion“ schafft er einen musikalischen Erinnerungsort an den Holocaust – als ukrainischstämmiger Musiker mit jüdischen Wurzeln, der schon lange in Deutschland lebt.

  • Wieso entscheidet sich Orkin, ausgerechnet das Tagebuch der Anne Frank zu vertonen?
  • Welche Rolle spielen seine ukrainische und jüdische Herkunft bei diesem Projekt?
  • Wie kann es gelingen, das Leid des Holocaust zu vertonen?
  • Und nicht zuletzt – verfügt die Musik über besondere Potentiale für das Gedenken?

Diesen Fragen möchte der Beitrag nachgehen. Dazu zeichnet er den Entstehungsprozess des Oratoriums „Annes Passion“ vom Tagebuch der Anne Frank bis zur Uraufführung in Tübingen nach, analysiert die Wirkmacht des Oratoriums mithilfe von Klangbeispielen aus dem Konzert und setzt sich mit der Frage auseinander, wie das Unsagbare vertont werden kann. Dabei kommen der Komponist selbst sowie auch der Dirigent der Uraufführung, Philipp Amelung, in Videoform zu Wort.

Vom Tagebuch zur Partitur: Komposition und Uraufführung

„Annes Passion“ ist ein Oratorium, das auf Texten aus dem Tagebuch der Anne Frank basiert. Der Komponist Evgeni Orkin gibt uns im ersten Teil des Pageflows Einblicke in den Entstehungsprozess des Werks.

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Philipp Amelung, Universitätsmusikdirektor der Universität Tübingen, hat die Uraufführung von „Annes Passion“ musikalisch umgesetzt.

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Evgeni Orkin stammt aus einer jüdischen Familie. Er wurde 1977 in Lwiw (Lemberg) geboren und ist in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik aufgewachsen. In seiner Jugend kam er mit seiner eigenen jüdischen Herkunft aber kaum in Kontakt. Der Holocaust war in der Sowjetunion kein Thema. Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg war auf den Sieg der Roten Armee gegen Nazi-Deutschland ausgerichtet. Jüd:innen galten nicht als gesonderte Opfergruppe. Das änderte sich erst mit den 1990er Jahren in der unabhängigen Ukraine.

Komplett vergessen war der Völkermord an den Jüd:innen nicht. Innerhalb Orkins jüdischer Familie kursierten Erzählungen über den Holocaust. Über seine Eltern und Großeltern erfuhr Orkin auch von Anne Frank.

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Da in Deutschland das Bild des Konzentrationslagers Auschwitz als Symbol für den Holocaust vorherrscht, geht in der öffentlichen Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord am europäischen Judentum leicht unter, dass der Großteil der jüdischen Opfer auf baltischem und sowjetischem Boden im Zuge des sogenannten Holocaust durch Kugeln erschossen wurde. So auch in der Ukraine: Nachdem die deutsche Wehrmacht im Herbst 1941 beinahe die gesamte ukrainische Sowjetrepublik besetzt hatte, überzogen die Deutschen dieses Gebiet mit antisemitischem Terror.

In Kyjiw ermordeten die nationalsozialistischen Besatzer in der Schlucht Babyn Jar in nur zwei Tagen mehr als 33 000 Jüd:innen. Kein anderes einzelnes Massaker auf europäischem Boden forderte im Zweiten Weltkrieg mehr Opfer als diese Massenerschießungen. Vor und nach dem Massaker am 29. und 30. September 1941 gab es viele weitere Erschießungsaktionen in der Schlucht, bei denen neben Jüd:innen auch sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma, ukrainische Nationalist:innen, vermeintliche Partisan:innen, Agent:innen und Saboteur:innen umgebracht wurden. Schließlich versuchten die Nationalsozialisten, ihre Spuren zu verwischen und ließen Häftlinge des nahegelegenen Konzentrationslagers Syrez die Überreste der Erschossenen exhumieren und verbrennen.

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Jüd:innen wurden am 29. und 30. September in Babyn Jar mindestens ermordet.

Obwohl die Verbrechen in Babyn Jar bekannt waren, gab es lange kein offizielles Gedenken am Ort des Geschehens. 1960 wurde die Schlucht durch einen neugebauten Staudamm abgeriegelt und damit begonnen, Schlamm und Wasser aus einem nahegelegenen Steinbruch und einer Ziegelei in die Schlucht zu pumpen. Nach größeren Regenfällen und einen Erdrutsch brach der Damm am 13. März 1961 und überflutete Vororte im Norden Kyjivs. Der Dammbruch zog nicht nur eine verheerende Überschwemmung nach sich. Auch im kulturellen Gedächtnis löste sich etwas: Babyn Jar rückte nun erstmals in den Fokus literarischer und später auch musikalischer Auseinandersetzungen. 1961 verfasste der damals in der Sowjetunion äußerst populäre Dichter Evgenij Evtuschenko, der bei Lesungen ganze Stadien füllte, ein Poem über das Massaker.

Ein 1976 errichtetes Denkmal erinnert an 100 000 ermordete Bürger Kyjiws. Es unterscheidet nicht zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Opfern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 entwickelte sich eine andere Gedenkkultur. Sie würdigt die unterschiedlichen Opfergruppen auf angemessene Weise. Inzwischen befinden sich auf dem Gebiet von Babyn Jar zahlreiche Denkmäler aus verschiedenen Perspektiven; es ist eine vielstimmige Erinnerungslandschaft entstanden. Orkins Kompositionslehrer Jevhen Stankovitsch widmete den Opfern von Babyn Jar ein Werk.

Warum wählte Orkin nun ausgerechnet Anne Frank als Material für sein Oratorium zum Gedenken an den Holocaust und nicht etwa Babyn Jar wie sein Lehrer?

Orkin erlangte seine musikalische Ausbildung nicht nur an den Musikhochschulen in Kyjiw und Mannheim, sondern verbrachte einen Teil seines Studiums in Utrecht in den Niederlanden. Während dieser Zeit kam er verstärkt mit der Geschichte der Anne Frank in Kontakt und beschäftigte sich viel mit dem Holocaust. 20 Jahre später griff Orkin das Thema wieder auf. Er erzählt, warum er sich dafür entschied, Anne Frank zu vertonen.

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Als Orkin 2019 mit der Komposition des Oratoriums begann, ging alles sehr schnell. Die Idee war bereits ausgereift. Intuitiv schrieb er sich aus den Tagebüchern der Anne Frank das heraus, was ihm „ins Herz gesprungen ist“. Dann setzte er die Phrasen zu einer kohärenten Handlungskette zusammen, sodass sie eine schlüssige Dramaturgie ergaben. Obwohl Orkin die Tagebücher zu Studienzeiten auf Niederländisch gelesen hatte, wählte er bewusst Deutsch als Sprache für sein Oratorium.

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Nach der Fertigstellung des Werks war es schwierig, jemanden zu finden, der es zur Aufführung bringen wollte. Schließlich handelt es sich um ein großes Oratorium mit Solist:innen, Chor und Orchester. Damit sind hohe Kosten verbunden. Während der Coronapandemie fertigte Orkin deshalb eine Remote-Aufnahme an und veröffentlichte diese auf YouTube. Dazu reiste er quer durch Deutschland, besuchte befreundete Musiker:innen und ließ sie die Stimmen einspielen und einsingen. Auch seine eigene Familie wirkte an der Aufnahme mit.

Als am 24. Februar 2022 die russische Vollinvasion in die Ukraine begann, spielte Orkin als Klarinettist bei einer Uraufführung mit, die Philipp Amelung dirigierte. Orkin meint, er sei emotional so labil gewesen, dass er sich getraut habe, Amelung anzusprechen und ihm von „Annes Passion“ zu erzählen.

Amelung hörte sich in Ruhe die Aufnahme an und war hellauf begeistert. Schnell fand sich ein passender Termin für die Uraufführung, der 80. Todestag der Anne Frank am 30. Januar 2025. Die Universität Tübingen ermöglichte das große Projekt und konzipierte in den Tagen vor dem Konzert ein thematisches Rahmenprogramm. Die Sopranistin Johanna Pommranz übernahm die Rolle der Anne Frank, der Schauspieler Jürgen Herold sprach die Passagen von Otto Frank. Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung dirigierte den Akademischen Chor der Universität Tübingen und die Württembergische Philharmonie Reutlingen.

Die Uraufführung war ein voller Erfolg. In der fast ausverkauften Stiftskirche erschallte würdiger Applaus mit Standing Ovations. Dem Publikum war anzumerken, wie tief ergriffen es von der Musik und der Geschichte dahinter war. Im Schwäbischen Tagblatt und im Reutlinger Generalanzeiger erschienen zwei überaus positive und lobende Kritiken.





Eindrücke von der Uraufführung in der Stiftskirche in Tübingen

Akademischer Chor der Universität Tübingen

Jürgen Herold als Otto Frank

Johanna Pommranz als Anne Frank

Württembergische Philharmonie Reutlingen

Württembergische Philharmonie Reutlingen

Akademischer Chor der Universität Tübingen

Württembergische Philharmonie Reutlingen

Evgeni Orkin und Philipp Amelung







Für Orkin waren bereits die letzten Proben vor dem Konzert emotional. Zum ersten Mal hörte er den vollen Klang seines eigenen Werks.

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Für einen Komponisten das Heiligste und Ergreifendste und Wichtigste, was es gibt.

Das Werk: Annes Passion

Was macht „Annes Passion“ aus? Wie wirkt die Musik und wodurch transportiert sie die Erinnerung an den Holocaust? Philipp Amelung schildert seinen unmittelbaren Eindruck beim ersten Hören des Oratoriums:

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Das Werk gliedert sich in drei Teile: Leben, Versteck und Tod. Jeder Teil zeichnet sich durch eine eigene Klangwelt und Tonsprache aus. Die Klangbeispiele ermöglichen Ihnen einen Einblick in die Musik und ihre Wirkweise.

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Teil 1: Leben

Im ersten Teil steht das alltägliche Leben der jugendlichen Anne, geboren 1929 in Frankfurt am Main, im Vordergrund. Anne erzählt ihrem Tagebuch, ein Geburtstagsgeschenk, von ihrem Wunsch nach einem Hund; sie beschreibt ihre Mitschüler:innen und macht sich über ihre Verehrer lustig. Die fröhliche, kindliche und unbefangene Art Annes spiegelt sich in der Musik wider. Das Orchester spielt leichte, unschuldige Motive. Aus dem Chor ertönen Kinderstimmen.



Doch immer wieder schieben sich einzelne Phrasen wie Fremdkörper in die junge, unbefleckte Welt. Die Sprechrhythmen im Männerchor erinnern an das Rattern von Zügen über Schienen. Orkin sagt, er habe daran gedacht, wie jüdische Kinder in der nationalsozialistischen Verfolgung zusammengepfercht in engen, dunklen Zugwaggons in die Konzentrationslager deportiert wurden. Die Bedrohung ist unterschwellig bereits im ersten Teil spürbar, die spannungsgeladene Musik greift sie vor.



Dünn besetzte Rezitative mit Sprecher geben wichtige Kontextinformationen zu Annes Geschichte und halten das Werk inhaltlich zusammen. So erfährt das Publikum vom Schicksal der Familie Frank: 1934 emigrierte die jüdische Familie nach Amsterdam, nachdem Adolf Hitler und die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gekommen waren.

Besonders eindrucksvoll ist im ersten Teil der sogenannte Judenchor. Langsam baut sich das Stück auf. Es beginnt leise nur mit den Männerstimmen und Percussion. Dann wird der Klang immer größer und lauter, bis ins Tutti mit vollem Orchester. Der komplette Text besteht aus einem einzigen Wort: „Juden“.

Schließlich ebbt der Klang nach und nach wieder ab. In verschiedenen Tonsprachen erklingen Sprecherstimmen aus dem Chor. Sie lesen Auszüge aus der antisemitischen Gesetzgebung vor. Denn auch in den Niederlanden, die seit Mai 1940 von Deutschland besetzt waren, wurden Jüd:innen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und sahen sich mit zahlreichen Verboten konfrontiert. Im Frühjahr 1942 begannen in den Niederlanden die Deportationen der Jüd:innen in Vernichtungslager.

Bald endete der vergleichsweise unbeschwerte Teil in Annes Leben:

Für Vater ist ein Aufruf von der SS gekommen.

Da es der Familie Frank nicht gelang, zu emigrieren, um sich in Sicherheit zu bringen, musste sie im Juli 1942 untertauchen.

Verstecken. Verstecken. Verstecken! Wo sollen wir uns verstecken?

In der Musik entlädt sich Annes Angst, die Ungewissheit, wie es nun für die Familie weitergehen soll.

Annes Eltern hatten sich auf dieses Szenario aber bereits vorbereitet und im hinteren Bereich des Firmengebäudes von Otto Frank ein Versteck eingerichtet. Wegen des Deportationsbescheids, der tatsächlich nicht Vater Otto, sondern Schwester Margot betraf, begab sich die Familie bereits früher als geplant in das Versteck. Wenige Tage später folgte die Familie van Pels. Fritz Pfeffer (in Annes Tagebuch Albert Dussel genannt) kam im November 1942 dazu.



Teil 2: Versteck

Im Versteck ist die Stille überlebensnotwendig. Jeder Laut könnte dazu führen, entdeckt zu werden. Vorhandene Geräusche erscheinen unglaublich laut und bedrohlich, werden überanalysiert.

Um diese angespannte Atmosphäre zu vertonen, hat Orkin den kompletten zweiten Teil im Piano und Pianissimo geschrieben. Der Chor kommt, wenn überhaupt, in gesprochenen Passagen zu Wort oder mahnt die Familienmitglieder mit einem „Schschsch!“, bloß nicht zu laut zu streiten.

Die detaillierte Beschreibung des Verstecks steht stellvertretend für alle Verstecke überall in Europa, in denen Jüd:innen versuchten, der nationalsozialistischen Verfolgung zu entgehen. Die Stimmen gehen ineinander über, erklingen im Echo, bilden eine unendliche Reihe. Sie geben auch den Menschen eine Stimme, deren Schicksale nicht in Tagebüchern festgehalten sind.

Somit geht es nicht bloß um das konkrete Versteck der beiden Familien, sondern um die Erfahrung, in einem Versteck ausharren zu müssen, an sich. Orkins Musik verdeutlicht die Universalität dieser Notlage, der Verfolgte und Menschen im Krieg ausgesetzt sind.

Im Tagebuch träumt Anne davon, was sie sich alles kaufen würde, wenn sie könnte. Die harmlose Mädchenfantasie löst an dieser Stelle andere Assoziationen aus: Während der Chor Annes Wunschliste an Kleidungsstücken vorliest, erscheinen vor dem inneren Auge der Zuhörenden die Berge an Koffern, Kleidung und Schuhen, die die ermordeten Jüd:innen in den Konzentrationslagern zurückließen.

Teil 3: Krieg

Der dritte Teil steht im harten Kontrast zum vorangegangenen. Schwere Blechbläser erklingen, der Chor ist mächtig und laut, singt nicht nur, sondern schreit regelrecht. Der Krieg erfordert düstere Klänge, er wird in seiner Grausamkeit durch die Musik erfahrbar.

Annes Angst, das beklemmende Gefühl eingesperrt im Versteck, die wachgelegenen Nächte, die explodierenden Bomben der Alliierten auf Amsterdam, das aufblitzende Feuer nach dem Einschlag, all das ist in der Musik zu hören.



Nicht nur der Krieg ist Thema im dritten Teil; auch die Judenverfolgung nimmt einen zentralen Platz ein.

Die Männerstimmen überbringen die grausame Botschaft der Deportationen.

Alle Juden müssen bis zum ersten Juli die germanischen Länder verlassen haben.

Vom ersten April bis ersten Mai wird die Provinz Utrecht gesäubert.

Vom ersten Mai bis ersten Juni die Provinzen Nord- und Südholland.

Annes Beschreibungen sind herzzerreißend. Sie stehen fast für sich, nur wenige Instrumente rahmen den gesungenen Text.

Wie eine Herde armes, krankes und verwahrlostes Vieh werden die Menschen zu ihren schmutzigen Schlachtplätzen geführt.

Lasst mich lieber schweigen. Ich bekomme nur Albträume von meinen eigenen Gedanken.

Orkin ist es gelungen, die eindrucksvollsten Phrasen aus Annes Tagebuch herauszusuchen und musikalisch so zu kontextualisieren, dass sie ihre volle Wirkung entfalten.

Die Juden warten, die Christen warten, der ganze Erdball wartet und viele warten auf ihren Tod.

Der Komponist hat sich bewusst dagegen entschieden, das ganze Werk im Klezmer, einer ostjüdischen Musiktradition, zu schreiben. Das sei ihm zu „klischeehaft“. Dennoch war es ihm wichtig, dem Jüdischen Raum zu geben: Ein beispielhaftes Klezmer-Stück im Oratorium soll dem Publikum zeigen, dass das Lachen etwas Urjüdisches sei. Eine Art Coping-Strategie, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.

Klezmer

Der Klezmer ist eine aus Osteuropa stammende jüdisch-weltliche Instrumentalmusik mit Wurzeln bis ins 15. Jahrhundert. Charakteristisch ist der „schluchzende“ Klang, der der menschlichen Stimme nachempfunden ist. Geige und Klarinette sind die wichtigsten Melodie-Instrumente.

Bei allem, was ich tue, muss ich an die anderen denken, die weg sind.

Und wenn ich wegen etwas lachen muss, höre ich erschrocken wieder auf.

Doch muss ich denn den ganzen Tag weinen? Nein, das kann ich nicht.

Die Kriegserfahrung Annes besteht nicht nur aus lauten, dramatischen Momenten. In ruhiger, zurückgenommener Melodik und intimem Klang singt sie darüber, dass der Krieg bereits Normalität geworden ist. Ein Leben danach scheint jenseits des Vorstellbaren zu sein.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass die Welt für uns je wieder normal wird.

Der zutiefst traurige Text steht im Kontrast zur melodisch beschwingten Musik, die stark an die barocken Arien von Johann Sebastian Bach erinnert. Diese Antithese ist typisch für das barocke Lebensgefühl, das von Gegensätzen geprägt ist.

Auch die Verkörperung dieser Gefühlslage kann stellvertretend für eine universelle Kriegserfahrung stehen.

Das Unsagbare vertonen: Musik und Erinnerung

Ob Kunst generell und Musik insbesondere Potential für die Erinnerung an geschichtliche Ereignisse und Traumata eröffnet, da sie sinnlich erfahrbar ist und emotionalisieren kann, wird schon lange breit diskutiert. Besonders in Bezug auf das Gedenken an den Holocaust gibt es verschiedene Positionen, was Kunst darf oder leisten kann. Mit dem berühmten Satz „Nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ äußerte der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno 1949 seine Bedenken, ob das Verfassen von Lyrik und implizit das Schaffen von Kunst nach der Shoah überhaupt möglich sei. Die Gefahr, das Grauen in der Kunst ästhetisch zu verklären, schien zu groß. Werke wie die „Todesfuge“ von Paul Celan zeigen, wie eine lyrische Auseinandersetzung mit dem Holocaust gelingen kann. In Museen bietet die Verbindung von Wissensvermittlung und Gedenken mit Kunst erweiterte Möglichkeiten für eine intensive Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Gewalt muss dabei nicht explizit gezeigt werden. Denn Andeutungen und Anregungen zur Imagination können die Menschen emotional ansprechen.

„Memory Void“

Das Jüdische Museum in Berlin schöpft diesen Ansatz voll aus. Die Architektur des Museums macht den Gang durch die Ausstellungen zu einer eigenen Erfahrung und ermöglicht den Besuchenden einen anderen Zugang zur Geschichte. Im „Memory Void“ (Leere/ Hohlraum der Erinnerung) befindet sich die Kunstinstallation „Schalechet“ (Gefallenes Laub) von Menashe Kadishman: Auf dem Boden eines dunklen, länglichen Raums, der auf einer Seite schmal zuläuft, liegen tausende Metallgesichter mit aufgerissenen Mündern. Wenn man über die Metallplatten geht, beginnen sie zu klirren und erwecken damit die Stimmen der Ermordeten im Hall des hohen Raums wieder zum Leben. Der Gang durch den „Memory Void“ macht die abstrakten Fakten und Zahlen der Ermordeten in einer sinnlichen Erfahrung greifbar und erreicht die Besuchenden auf einer tieferen, emotionalen Ebene.

Als Trägerin von Erinnerung kann Musik bestimmte Gedanken, Gefühle und Ereignisse miteinander verknüpfen und beim erneuten Hören wieder auslösen. Die Titelmusik aus dem Spielfilm „Schindlers Liste“ (Steven Spielberg, 1993) von John Williams hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und ist unmittelbar mit der Erinnerung an den Holocaust verknüpft. Musik hat also das Potential, das Gedenken zu stützen, weil allein das Hören bestimmter Melodien und Harmonien genügt, um Assoziationen und Emotionen erneut auszulösen und an spezifische Ereignisse zu erinnern.



Für Orkin hat Musik für die Erinnerung noch eine weitere Funktion: Sie kann Erfahrungen, erlebbar machen, die man selbst nie gemacht hat. Unmittelbare Kriegserfahrungen mache nur die Generation, die direkt davon betroffen sei. Wegen ihres traumatischen Charakters teile diese ihre Erfahrungen häufig nicht mit ihren Nachkommen, die Lehren gingen verloren. Musik könne dem entgegenwirken und dafür sorgen, dass sich die Grausamkeit des Krieges nicht wiederhole.

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Auch Philipp Amelung hebt den besonderen Zugang hervor, den die Musik zu den Menschen hat. Der menschlichen Stimme kommt dabei eine herausgehobene Rolle zu.

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„Annes Passion“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Gedenken mithilfe von Musik funktionieren kann. Annes Entwicklung vom naiven Mädchen, das zunächst ein (relativ) normales Leben führt, zur jungen Frau, die durch die nationalsozialistische Verfolgung und den Vernichtungskrieg schnell erwachsen werden muss, ist durch die Musik greifbar. Der Schrecken des Krieges und die Grausamkeit der Judenverfolgung werden meist nicht explizit gezeigt, sondern durch die starken Kontraste und die intime Atmosphäre transportiert, die die Musik erzeugt und immer wieder durchbricht. Das Leben im Versteck, die Enge, die ständige Vorsicht, die Einsamkeit kommen durch den Klang zum Ausdruck und versetzen die Zuhörenden unmittelbar in Annes Situation.

Die Judenverfolgung schimmert wiederholt durch und ist mit den Judengesetzen bereits im vergleichsweise fröhlichen ersten Teil des Oratoriums Thema. Im zweiten Teil wird ihr zahlenmäßiges Ausmaß deutlich, wenn Albert Dussel davon singt, wie Freunde und Bekannte aus ihren Häusern geholt und deportiert werden:

Zahllose Freunde und Bekannte sind weg, zu einem schrecklichen Ziel. Abend für Abend fahren die grünen und grauen Militärfahrzeuge vorbei, und an jeder Tür wird geklingelt und gefragt, ob da auch Juden wohnen. Und wenn ja, muss die ganze Familie sofort mit, und wenn nicht, gehen sie weiter. Niemand kann seinem Schicksal entkommen, wenn er sich nicht versteckt.

Wie schrecklich es für Anne ist, mit diesem Wissen umzugehen, erfahren die Zuhörenden im einzigen Klezmer-Stück des Oratoriums. Sie traut sich nicht mehr, glücklich zu sein, kann aber auch nicht immer nur traurig sein. Besonders schlimm empfindet Anne den andauernden Krieg, die Bombardierungen und Schießereien, vor denen sie sich im Versteck kaum schützen können. In der Musik kommt diese bedrohliche Kriegskulisse mit lauten Blechbläsern und Schlagwerk an der einen Stelle und unheimlich wirkenden dissonanten Clustern im Chor an anderer Stelle zum Tragen.

Die Musik ermöglicht es, sich in Annes Gefühlswelt hineinzuversetzen und ihre tragische Geschichte beim Hören mitzuerleben. Die gut gewählten ausdrucksstarken Passagen aus Annes Tagebüchern erlangen in Verbindung mit der Musik nochmal mehr Gewicht und lösen an vielen Stellen Beklemmung aus.

Im Epilog dringen Annes tiefe Sehnsüchte nach für uns ganz selbstverständlichen, alltäglichen Dingen durch: draußen in der Natur sein, die Sonne und den Wind auf der Haut spüren, allein sein, frei sein. Dass gerade diese Dinge für Anne nicht selbstverständlich, sondern geradezu unmöglich waren, wird beim Hören schmerzlich bewusst. Schließlich endet das letzte Stück zurückgenommen nur mit den Frauenstimmen und Annes Abschiedsgruß: „Deine Anne“.

Der Schluss des Stücks ist so tragisch, weil es sich tatsächlich um Annes Abschied handelt. Denn das Publikum weiß, dass Anne den Krieg nicht überlebt hat. Im August 1944 wurden die Untergetauchten entdeckt und schließlich nach Ausschwitz deportiert. Anne Frank starb im Februar 1945 entkräftet im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nur ihr Vater Otto Frank überlebte und veröffentlichte auf Annes Wunsch 1947 postum ihr Tagebuch.

Warum Anne Frank, warum nicht Babyn Jar?

Warum hat Orkin die Geschichte der Anne Frank vertont? Von außen betrachtet wäre es womöglich naheliegender gewesen, hätte er wie sein Kompositionslehrer Jevhen Stankovitsch ein Werk zum Massaker in Babyn Jahr geschrieben, um an den Holocaust zu erinnern. Die Wahl des Stoffs beeinflussten mehr Faktoren als nur die geographische Herkunft. Auch biographische wie das Studium in den Niederlanden oder persönliche Gründe wie Orkins eigene Erfahrung als Vater einer Tochter in Annes Alter führten dazu, dass er sich für Anne Franks Tagebücher entschied. Die Entstehung von „Annes Passion“ demonstriert, dass Erinnerungsprozesse komplex sein können und sich nicht einfach auf die Herkunft einer Person reduzieren lassen. Außerdem ist Anne Frank als allgemeingültiges Symbol für den Holocaust zum transnationalen Erinnerungsort avanciert, der fast überall anschlussfähig ist und bestimmte Assoziation weckt.

In „Annes Passion“ zeigt sich zudem, dass verschiedene Identitäten und Perspektiven Synergien liefern und eine Bereicherung sein können: So verbindet Orkin den Klezmer als jüdische, osteuropäische Musik mit der Geschichte von Anne Frank, einem deutsch-jüdischen Mädchen, das einen großen Teil seines kurzen Lebens in den Niederlanden verbrachte. Orkin wählt keine national-ukrainische oder explizit ostjüdische Form, um an den nazistischen Völkermord an den Jüd:innen zu erinnern, sondern verortet sich und sein Werk in einer europäischen, sogar deutschen Tradition.

Evgeni Orkin - ein ukrainisch-jüdischer Komponist?

Ist Orkin dann überhaupt ein ukrainisch-jüdischer Komponist? Oder ein deutscher Komponist mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln? Die Person Orkin illustriert, dass unsere strenge Kategorisierung und Zuschreibung einer einzigen Identität, meist auf Grundlage der Herkunft, in der Realität nicht funktionieren. Identitäten können mehrschichtig sein, sich überschneiden und schließen sich keineswegs gegenseitig aus.

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Orkins Geschichte zeigt, dass Gruppenzugehörigkeiten und Identitäten sowohl von inneren, persönlichen, als auch von äußeren, gesellschaftlichen Faktoren abhängig sind. Bei Orkin entwickelte sich die jüdische Identität erst mit der Zeit. Denn in seiner Jugend in der Sowjetunion war das Thema wenig präsent. Richtig ukrainisch fühlte Orkin sich erst mit dem Euromajdan, der großen proeuropäischen Protestbewegung von 2013/2014, und noch einmal verstärkt seit der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022. Die Frage nach der Zugehörigkeit und mehrschichtigen Identitäten kommt auch im Projekt von Sophia Kieß zu Kasimir Malewitsch auf.

Kultur und Erinnerung in Kriegszeiten

In Kriegszeiten kommt der Erinnerungskultur nochmal eine andere Rolle zu. Vladimir Putins strategische Politisierung der Geschichte als Mittel der Kriegspropaganda und der Umgang mit Denkmälern in den russisch besetzten Teilen der Ukraine zeugen davon, wie die Erinnerung und das Gedenken im Krieg zur Waffe werden. (Verweis auf Magnus Projekt) Die Kultur ist oft Zielscheibe. Häufig wird sie systematisch und gezielt zerstört und geht unwiederbringlich verloren. So entwendeten die Nationalsozialisten nicht nur Kunstwerke ihren rechtmäßigen, meist jüdischen Besitzer:innen (NS-Raubkunst), sondern zerstörten sogenannte Entartete Kunst, die nicht ihren ideologischen Maßstäben entsprach. Viele im Nationalsozialismus verfolgte Künstler:innen kamen in den Konzentrationslagern um und wurden somit gewaltsam zum Schweigen gebracht.

Heute zielt die russische Kriegsführung darauf, die Ukraine über die physische Ebene hinaus anzugreifen und die Bevölkerung damit zu demoralisieren. Das Ukrainische an sich soll ausgelöscht, die Eigenständigkeit der ukrainischen Kultur geleugnet werden. Die Altstadt von Odessa, seit 2023 UNESCO-Weltkulturerbe, bombardiert Russland immer wieder gezielt. Ebenso zerstörte die russische Armee bereits zahlreiche ukrainische Museen. In den besetzten Gebieten plündern die Invasoren Kunstwerke aus den Museen.

Der Komponist Orkin möchte mit seinem Schaffen entstandene Leerstellen füllen. Mit „Annes Passion“ gelingt ihm dies auf eindrucksvolle Weise. Das Thema der Kriegs- und Besatzungstagebücher beschäftigte ihn weiter: Zuletzt vertonte er das Besatzungstagebuch des ukrainischen Kinderbuchautors Volodymyr Vakulenko, der mit seinem autistischen Sohn in der Nähe der Stadt lsjum im Verwaltungsgebiet Charkiw die russische Besatzung erlebte und im März 2022 brutal ermordet wurde.

Uraufführung in Brüssel: Cantata «Daddy’s book» (Tatuseva knyga)

Auch heute kann Musik emotionale Bewältigung für traumatische Erlebnisse leisten. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass viele vergleichbare traurige Schicksale nicht in Büchern festgehalten und der Nachwelt damit nicht überliefert wurden.











Im Gedenken an die „Bücher, die nie geschrieben wurden“











Sophia Kieß

Das Schwarze Quadrat als BlackBox

Kasimir Malewitsch und die ukrainische Kunstgeschichte

Kasimir Malewitsch, Selbstportrait/Der Künstler, 1933

Kazimir Malevič (russisch), Kazymyr Malevyč (ukrainisch), Kazimierz Malewicz (polnisch) – drei Schreibweisen gibt es für den Namen eines Künstlers, der wie kaum ein anderer für die sogenannte „Russische Avantgarde“ steht. Im Deutschen ist er zumeist als Kasimir Malewitsch bekannt. Er selbst signierte seine Bilder mal in der russischen, mal in der polnischen Schreibweise. In vielen Museen, etwa dem Museum Ludwig in Köln, steht seit 2022 die ukrainische Schreibweise: Kazymyr Malevyč, geboren in Kyjiv. Der vollumfängliche Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, gegen ihre Bevölkerung, Geschichte und Kultur ist auch in der Kunstgeschichte zu einer Zäsur geworden. Forscher:innen und Aktivist:innen unterziehen lang etablierte Auffassungen und Erzählungen, etwa jene der vermeintlichen „Russischen Avantgarde“, einer kritischen Revision und fordern die häufig Russland-zentrierten Deutungslinien heraus. 

Russische Avantgarde

Oberbezeichnung einer Kunstrichtung im späten Russischen Zarenreich und der frühen Sowjetunion. Die künstlerische Epoche beinhaltet viele verschiedene abstrakte Kunststile und gehört somit zur gesamteuropäischen Klassischen Moderne. In den 1960er und 1970er Jahren prägten westliche Kunstkritiker:innen diesen Begriff, der sich dann auf dem internationalen Kunstmarkt etablierte. Gemeinhin wird die Sowjetunion häufig fälschlicherweise mit Russland gleichgesetzt und die Russische Föderation als deren legitime Erbin gesehen. Die Künstler:innen dieser Kunstrichtung kamen jedoch aus allen Landesteilen des russischen bzw. sowjetischen Großreiches, etwa aus Georgien, der Ukraine oder dem Baltikum. Dieser Vielfalt wird der Begriff „Russische Avantgarde“ nicht gerecht und steht daher nun in der Kritik. 



Kasimir Malewitsch war einer der bedeutsamsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Als einer der ersten bereitete er den Weg zur abstrakten Kunst. Seine Kunsttheorien sorgten europaweit für Aufsehen und beeinflussten zahlreiche folgende Generationen von Kunstschaffenden. Und dennoch zeigt selbst das Wissen über den berühmten Künstler Malwitsch, wie undifferenziert und uninformiert der Kunstkanon mit Blick auf Ostmitteleuropa lange war und noch ist. Seine Biographie war in vielen Stücken ein blinder Fleck und sein berühmtes, epochenmachendes Schwarzes Quadrat eine Black Box. Zentrale Aspekte Malewitschs Lebens und Wirkens, wie etwa seine prägende Kindheit in der ländlichen Ukraine, der Einfluss des traditionellen ukrainischen Kunsthandwerks und der christlich-orthodoxen Ikonenmalerei, blieben bis vor kurzem kaum beachtet.

Ikonenmalerei

Im orthodoxen Christentum sind Heiligenbilder, genannt Ikonen, ein wichtiges Element der Glaubenspraxis. Sie werden zum Gebet gebraucht und sollen eine Verbindung zwischen der himmlischen und der weltlichen Welt schaffen. Dafür werden sie häufig im sogenannten Herrgottswinkel angebracht, einer Raumecke gegenüber dem Ofen. Die Ikonenmalerei zeichnet sich durch eine meist zentrale Perspektive, reine Zweidimensionalität und flächige, einfarbige Darstellungen aus.



Wie kann es sein, dass diese Aspekte in der Malewitsch-Forschung lange ignoriert wurden? Wie verändert die russische Aggression die Kunstgeschichte Ostmitteleuropas und die Erzählung der Klassischen Moderne? Und welchen Stellenwert nimmt das künstlerische Erbe Malewitschs in einem Krieg ein, in dem es häufig auch um die Deutungshoheit über die Geschichte des 20. Jahrhunderts geht? Diesen Fragen möchte ich in meinem Projekt nachgehen und dadurch den Jahrhundertkünstler Malewitsch und sein faszinierendes Schaffen zugänglich machen. Ein besonderes Augenmerk soll auf der Rolle der Volkskunst für die Avantgarde und auf Malewitschs vielschichtiger Identität liegen. 

Dafür habe ich zwei schriftliche Interviews mit ausgewiesenen Expertinnen für die moderne Kunst der Ukraine geführt. Das Wissen und die Erfahrungen der ukrainischen Kunsthistorikerin und Kuratorin Dr. Katia Denysova sowie der ukrainischen Historikerin Dr. Viktoria Lowack sind dabei eine wertvolle Bereicherung.

Kasimir Malewitsch

Biografie und Werk

Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch wurde 1879 in einem Dorf bei Kyjiv geboren. Seine Eltern, polnische Katholiken, waren 1863 in den ukrainischen Teil des Russischen Zarenreiches umgesiedelt. Malewitsch wuchs dreisprachig auf, wie es für ein Leben im Vielvölkerreich typisch war: Er sprach Polnisch, die Sprache seiner Eltern, Ukrainisch, die Sprache seiner Heimat, und Russisch, die Sprache des Reiches. Wegen der Arbeit seines Vaters in der Zuckerrübenindustrie zog die Familie häufig um. So verbrachte Malewitsch seine Kindheit in verschiedenen ukrainischen Dörfern. In seiner Autobiographie hielt er fest, dass er dort zum ersten Mal in Kontakt mit Kunst kam. Damit meinte er das volkstümliche Kunsthandwerk und die traditionelle christlich-orthodoxe Ikonenmalerei. Auch die Landschaft und die bäuerliche Lebensweise hinterließen einen prägenden Eindruck in seinen Kindheitserinnerungen. Sie sollten zeitlebens in seinem Werk präsent bleiben.

Nach einer Reise nach Kyjiv wünschte sich Malewitsch einen Malkasten. Seine Eltern förderten von nun an die kreativen Neigungen ihres Sohnes. So unterstützen sie seine Entscheidung, an der Zeichenschule von Mykola Pymonenko in Kyjiv zu studieren. Unter Pymonenko lernte Malewitsch den realistischen und sozialkritischen Stil der sogenannten Peredwischniki (dt. Wanderer) kennen, die vor allem den mühseligen Alltag der einfachen Landbevölkerung portraitierten. 

Ilja Repin, Die Wolgatreidler, 1870–1873

Der ukrainische Maler Repin war der berühmteste Maler der Künstlergruppe der Peredwischniki.



Erste Schritte in der Kunstwelt des Zarenreiches

Um sich seinen großen Traum, ein Studium der Ikonenmalerei, zu finanzieren, arbeitete Malewitsch einige Jahre als technischer Zeichner bei der Eisenbahngesellschaft in Kursk. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keine eigene höhere Kunstschule im ukrainischen Landesteil des Zarenreiches. Wer eine Kunststudium aufnehmen wollte, musste dafür in eine europäische Hauptstadt wie Paris oder in die imperialen Zentren Moskau und Sankt Petersburg ziehen. Um die Jahrhundertwende tummelten sich dort die kulturelle Elite und Kunstschaffende aus dem gesamten Reich, ab 1905 auch Kasimir Malewitsch. Statt der Ikonenmalerei studierte er in Moskau zunächst an der Schule für Malerei, Skulptur und Architektur und anschließend im privaten Atelier des Malers Fjodor Rerberg. Dort lernte er die großen europäischen Kunstrichtungen der Zeit kennen. Seine Gemälde aus dieser Zeit zeugen mit ihren dörflichen Idyllen und flüchtigen Alltagseindrücken deutlich vom Einfluss des Impressionismus. 

Impressionismus

Kunstrichtung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand. Die Künstler:innen malten häufig im Freien und versuchten, ihre unmittelbaren Sinneseindrücke, beispielsweise das Tageslicht, auf der Leinwand abzubilden. Der Impressionismus wurde in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einer prägenden Stilrichtung in ganz Europa.



Kasimir Malewitsch, Frühling, blühender Garten, 1904

In Moskau machte Malewitsch außerdem die Bekanntschaft der entstehenden Avantgarde im Russischen Reich. Besonders einflussreich für seine Entwicklung war die russische Künstlerin Natalja Gontscharowa. Ihre flächigen, farbenkräftigen Darstellungen von Bäuer:innen mit folkloristischen Elementen waren stilprägend für zahlreiche zeitgenössische Künstler:innen.

Avantgarde

Als Avantgarde gelten zahlreiche Künstler:innengruppen des frühen 20. Jahrhunderts, vor allem in Europa, die sich als Vorkämpfer:innen einer neuen und fortschrittlichen Kunst sahen. Der Begriff der Avantgarde ist damit eng mit der Klassischen Moderne verknüpft.

Natalja Gontscharowa, Heuernte, ca. 1910

Kasimir Malewitsch, Bäuerin mit Eimer und Kind, um 1912



Wie in Westeuropa tauschten sich gleichgesinnte junge Künstler:innen in Gruppen über ihre neuen ästhetischen und kunsttheoretischen Vorstellungen aus und veranstalteten gemeinsame Ausstellungen. Auch Malewitsch zeigte seine Werke neben Größen der Avantgarde wie Wassily Kandinsky, Oleksandra Ekster, David Burljuk und Natalja Gontscharowa. In den 1910er Jahren experimentierte er mit geometrischen und abstrakten Darstellungsformen sowie symbollastigen Collagen. Damit trugen er erheblich zur Weiterentwicklung neuer Kunstrichtungen bei, wie etwa dem Kubofuturismus.

Kubofuturismus

Kunstrichtung, die in den 1910er Jahren im Russischen Zarenreich entstand. Im Kubofuturismus verbanden die Künstler:innen Elemente des westeuropäischen Kubismus, wie die Zerteilung des Bildes in geometrische Formen, und des Futurismus, wie die Darstellung dynamischer Bewegungsabläufe.

Kasimir Malewitsch, Porträt von M.V. Matjuschin 1913

Kasimir Malewitsch, Ein Engländer in Moskau, 1914

Sieg über die Gegenständlichkeit Auf dem Weg zum Suprematismus

1913 bat der bis zur Unkenntlichkeit porträtierte Komponist Michail Matjuschin schließlich seinen Freund Malewitsch, die Kostüme und das Bühnenbild für seine futuristische Oper Sieg über die Sonne zu gestalten. Die Arbeit an dieser Inszenierung wurde für Malewitsch zu einem Schlüsselmoment in seiner künstlerischen Entwicklung. Während die Protagonist:innen der Oper die mächtige Sonne unterwarfen und eine radikal neue Welt erschufen, sah Malewitsch sich selbst auf einem Siegeszug gegen die Gegenständlichkeit und auf dem Weg zu einer radikal neuen Kunst. 

Gegenständliche Kunst

Künstlerische Stilrichtungen, welche reale Objekte wie Personen und Gegenstände abbilden, werden als gegenständliche oder figurative Kunst bezeichnet. Die abstrakte Kunst grenzt sich mit ihren Werken von der gegenständlichen Kunst ab, da sie sich nicht auf Objekte der realen Welt bezieht.

Auf den Vorhang der Oper malte er zum ersten Mal ein bloßes schwarzes Viereck. Es war die Geburtsstunde des Suprematismus. Mit dieser Kunstrichtung und Philosophie schrieb sich Malewitsch für immer unentbehrlich in die moderne Kunstgeschichte ein. Er wollte die Malerei „vom Gewicht der Dinge“ befreien und sie auf das absolute Minimum von Form und Farbe reduzieren. Eine solche Kunstmethode sollte vollständig unabhängig von der externen Welt sein und dadurch eine höhere Empfindung (lat. supremus – der Höchste), einen Zustand von Schwerelosigkeit und spiritueller Ruhe einfangen, der aus dem Nichts entstehe. Während die Kritiker:innen die Oper als infam zerrissen, war Malewitsch von der zukunftsweisenden Bedeutung seiner Arbeit überzeugt. In einem Brief an Matjuschin schrieb er:

Der Vorhang zeigt ein schwarzes Viereck, den Keim jeglichen Potenzials, das, einmal entfacht, furchterregende Kraft entwickeln kann. Es ist der Vater des Kubus und der Sphäre. Seine Entflechtung wird die Malerei erstaunlich aufwerten."

Kasimir Malewitsch (zitiert nach Smolik, S. 31)



1915: Die künstlerische Stunde Null 

Zwei Jahre später trat seine Vision von der Theater- auf die Weltbühne. Im Dezember 1915 eröffnete in Petrograd (so hieß Sankt Petersburg von 1914 bis 1924) Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei 0,10 (Null–Zehn). In dieser Ausstellung präsentierten die wichtigsten modernen Künstler:innen im Russischen Reich ihre jüngsten Werke. Dort zeigte Malewitsch zum ersten Mal seine suprematistischen Werke und machte die Ausstellung so zu einem Meilenstein der Kunstgeschichte. In den Tagen vor der Eröffnung soll er die Fenster der Galerie sogar mit Zeitungspapier abgedeckt haben, um die Inszenierung perfekt zu machen. Denn der Schockfaktor seiner völlig gegenstandslosen Bilder lag nicht nur an der Tatsache, dass er sie zeigte, sondern wie er sie zeigte: Das Schwarze Quadrat war direkt unter der Decke über eine Raumecke angebracht, im sogenannten Herrgottswinkel – also an genau jenem Ort, an dem orthodoxe Christ:innen die Ikone in ihren Häusern aufstellten. Das Schwarze Quadrat gilt als eines der ersten vollständig abstrakten Gemälde der Kunstgeschichte. Es wurde so selbst zur Ikone einer neuen Zeit und Kunst.

Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“ – Kasimir Malewitsch (zitiert nach Barnebys, o.S.)

Kasimir Malewitsch, Das Schwarze Quadrat, 1915

Die Ausstellung 0,10 mit dem Schwarzen Quadrat in Petrograd, 1915 

Das Schwarze Quadrat stellt eine maximale Reduktion dar, den Verlust der Narrativität und einen Paradigmenwechsel in der globalen Kunstgeschichte. Es begründet nicht nur neue internationale Kunstströmungen, sondern stellt auch das Verständnis von Kunst als solches infrage und gehört in gleichem Maße zur Philosophie der Kunst wie zur Kunstgeschichte."

Viktoria Lowack



Gleichzeitig zu diesen radikalen Neuerungen in der Kunstwelt tobte der Erste Weltkrieg. Trotz seiner Einberufung zum Militärdienst konnte sich Malewitsch weiterhin seiner Kunst widmen und arbeitete seine suprematistische Theorie aus. Für Katia Denysova und Viktoria Lowack sind es gerade die aus dieser Zeit stammenden mehrfarbigen geometrischen Formen vor einem weißen Hintergrund, die sie intuitiv mit Malewitsch verbinden.

Kasimir Malewitsch, Soldat der Ersten Division, 1914

Kasimir Malewitsch, Suprematismus, Zweidimensionales Selbstportrait, 1915

Kasimir Malewitsch, Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen/Rotes Quadrat, 1915

Nach der künstlerischen die politische Revolution: Avantgarde-Kunst im Sozialismus

Das Russische Reich selbst befand sich bereits seit mehreren Jahren im Umbruch. 1905 hatte eine Revolution die Macht des Zaren erschüttert. 1917 wurde der Zar durch die Februarrevolution gestürzt, die anschließend eine doppelte Herrschaft durch das Parlament und Arbeiter- und Soldatenräte einsetzte. Wenige Monate später gelang es dann einer revolutionären Minderheit um Vladimir Lenin, den Bolschewiki, in der Oktoberrevolution die politische Kontrolle an sich zu reißen. In einem mehrjährigen, bitterblutigen Bürgerkrieg festigten sie ihre neue Machtposition. 1922 gründete sich die Sowjetunion. Sie trat die Nachfolge des zaristischen Vielvölkerreiches an und erhob den Anspruch, die erste klassenlose, sozialistische Gesellschaft der Welt zu werden. Im Eiltempo wurde das weitgehende agrarisch geprägte Land zu einer modernen Industrienation umgebaut. Diese Umwälzungen verlangten der von Welt- und Bürgerkrieg gebeutelten Bevölkerung immense Opfer ab. In der frühen Sowjetzeit förderten die Bolschewiki gezielt lokale, nationale Kunstszenen, um sich vom zentralistischen, imperialen Zarenreich abzugrenzen und gleichzeitig Zugeständnisse an die wachsenden Nationalgefühle zu machen. Von diesem größeren kreativen Freiraum profitierte besonders die ukrainische Sowjetrepublik: Kyjiv und Charkiv wurden nach Moskau und Petrograd (ab 1924 in Leningrad umbenannt) zu den beiden wichtigsten Zentren der dynamischen kulturellen Entwicklung. 

Boris Michailowitsch Kustodijew, Der Bolschewik, 1920

Kasimir Malewitsch war wie viele seiner Zeitgenoss:innen zunächst offen für das sozialistische Experiment. Bereits während der Revolution von 1905 hatte er seine Sympathien für einen politischen Neuanfang bekundet.

Ich habe mir damals gesagt, wenn ich ein Revolutionär sein will – das war 1905 –, dann werde ich mich nicht mit einem Revolver in der Hand schlagen, ich werde Bilder malen, die in meiner Wahrnehmung gespeichert sind." – Kasimir Malewitsch (zitiert nach Smolik, S. 11) 

Gerade mit der Unterstützung moderner Kunst wollten die Bolschewiki ihre Fortschrittlichkeit unter Beweis stellen. Sie übertrugen Malewitsch die Aufsicht über die staatliche Kunstsammlung des Kreml und betreuten ihn mit Auftragswerken. 1919 zog es Malewitsch an die Kunstschule Marc Chagalls im belarusischen Wizebsk, wo er seine suprematistischen Kunsttheorien unterrichtete. Anschließend wirkte er einige Jahre am Staatlichen Institut für künstlerische Kultur in Leningrad. 

Zurück in die Gegenständlichkeit: Neuausrichtung der sowjetischen Kulturpolitik unter Stalin

Kasimir Malewitsch, Tischler, 1929

Mit dem Tod Lenins 1924 und dem Regierungsantritt Josef Stalins stand die Kulturpolitik unter anderen Vorzeichen. 1926 verlor Malewitsch seine Stelle in Leningrad. Im Jahr darauf reiste er zum Bauhaus nach Dessau und Berlin. Sein Text Die gegenstandslose Welt wurde zwar in der Bauhausschriftenreihe publiziert, die regimekritischen Stellen jedoch zensiert. Vermutlich wegen einer dunklen Vorahnung zur politischen Lage in der Sowjetunion hinterließ Malewitsch seine Gemälde vor seiner Rückreise in der Obhut von Hugo Häring. Von 1928 bis 1930 arbeitete er anschließend als Dozent am Kyjiver Kunstinstitut, das einen Ruf als „Ukrainisches Bauhaus“ genoss.

Kasimir Malewitsch, Heumacher, 1930 

Hatte sich Malewitsch in den vorigen Jahren vor allem auf den theoretischen Unterbau seines Werks fokussiert, begann er gegen Ende der 1920er Jahre wieder zu malen. Nach über fünf Jahren kehrte Malewitsch zur gegenständlichen Malerei zurück. Im sogenannten Zweiten Bauernzyklus (1928–1933) portraitierte er erneut das bäuerliche Leben. 



Die Bildnisse des Ersten Bauernzyklus in den frühen 1910er Jahren waren unter Gontscharowas Einfluss korpulent, kraftvoll und stolz gewesen. Die Figuren des Zweiten Bauernzyklus hingegen waren häufig statisch. Leicht verloren stehen sie in der Landschaft, mit hängenden Schultern, oft sind sie gesichtslos, es fehlen Arme an den Körpern und Fenster in den Häusern. 



Kasimir Malewitsch, Zwei männliche Figuren, 1930 

Kasimir Malewitsch, Landschaft mit fünf Häusern, 1932 

Mit dem Anbruch der 1930er Jahre verschärfte sich die kulturpolitische Situation in der Sowjetunion spürbar. Das Regime unter Stalin wandte sich von der modernen und abstrakten Kunst ab und förderten stattdessen Kunstwerke im Stil des Sozialistischen Realismus. Nach einer letzten Retrospektive 1929 in Moskau fiel Malewitschs Schaffen endgültig in Ungnade. 1930 wurde er vom NKWD, der sowjetischen Geheimpolizei, wegen Vorwürfen der Spionage für zwei Monate verhaftet und verhört. Seine Bilder wanderten in die verschlossenen Keller der Museen.

Sozialistischer Realismus

Stilrichtung in der Bildenden Kunst, der Literatur, Musik und im Film, welche in den 1940er Jahren unter Stalin als einzige staatlich geduldete Kunstrichtung festgesetzt wurde. Auch in den übrigen sozialistischen Ländern Osteuropas wurde sie bald verbindlich. Der Sozialistische Realismus sollte im Gegensatz zur Avantgarde für die gesamte Bevölkerung begreifbar sein und mit proletarischen Vorbildern eine didaktische Funktion erfüllen.

Eine letzte Neuerfindung Malewitschs Spätwerk 

Kasimir Malewitsch, Portrait der Frau des Künstlers, N.A. Malewitsch, 1933

Die letzten Lebensjahre verbrachte Malewitsch in Leningrad. Dort leitete er ein Forschungslabor des Russischen Museums. In seinen finalen Werken gab er den Portraits nun auch ihre Gesichter zurück. Mit der Körperhaltung und Lichtgebung erinnern sie an klassische Renaissancegemälde von Lucas Cranach, Hans Holbein oder Albrecht Dürer. Das Schwarze Quadrat, der Meilenstein Malewitschs Karriere, blieb bis zuletzt präsent. Es erscheint als unmissverständliche Signatur in der unteren Bildecke, wird durch die geometrische Handhaltung in seinem Selbstbildnis angedeutet oder sogar zusammen mit dem befreundeten Maler Pavlov in einem Doppelportrait gewürdigt. Als Malewitsch 1935 an einem Krebsleiden verstarb, zierte das Quadrat die Vorderseite seines kubistischen Sarges.



Kasimir Malewitsch, Selbstportrait/Der Künstler, 1933 In der rechten unteren Bildecke steht statt der üblichen namentlichen Signatur ein kleines schwarzes Quadrat. 

Kasimir Malewitsch, Portrait von V. A. Pavlov, 1933



Malewitsch und seine Gemälde in Leningrad, 1924 

In den Folgejahren intensivierte das stalinistische System seine repressive Kulturpolitik. Zwischen 1936 und 1938 wollte Stalin Land und Partei von vermeintlichen Feinden der Revolution und des Sozialismus befreien. In den blutigen Säuberungskampagnen – auch Großer Terror genannt – wurde ein großer Teil der Avantgarde ermordet oder zu jahrelanger Haft in Zwangsarbeitslagern verurteilt. Die Zeit, in der die eigenständige Kunst und Kultur der einzelnen Sowjetrepubliken gefördert wurde, endete. Die Kunstschaffenden und Intellektuellen der ukrainischen Sowjetrepublik traf es besonders hart. Die beinahe vollständig vernichtete Generation ging als „Erschossene Renaissance“ in die Geschichte ein. 



Späte Würdigung und Kanonisierung: Malewitschs Erbe 

In der Sowjetunion wurden Malewitschs Werke erst 1977 wieder zaghaft ausgestellt. Die Bilder, welche er nach seinem Bauhaus-Besuch in Deutschland zurückgelassen hatte, fanden im Verlaufe der 1950er Jahre langsam Beachtung und wurden vom Amsterdamer Stedelijk Museum angekauft. Heute besitzt das Museum die größte Malewitsch Sammlung Westeuropas. Eine wirkliche Würdigung und Forschung zu Malewitsch begann erst mit den 1990er Jahren und dem Ende der Sowjetunion 1991, als wieder über die frühe sowjetische Kunst gesprochen werden konnte. Seitdem zählt Malewitsch unbestritten zu den wichtigsten Künstler:innen der Moderne. Sein Schwarzes Quadrat wurde zu einem viel zitierten Klassiker in Schrift und Bild. Malewitsch beeinflusste bedeutende Zeitgenoss:innen in der Sowjetunion, etwa El Lissitzky oder Alexander Rodtschenko, sowie zahlreiche Künstler:innen in der ganzen Welt. Sigmar Polke, einer der bekanntesten Künstler der DDR und der Bundesrepublik, schuf 1969 mit Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen! nicht nur eines der wichtigsten Werke der deutschen Kunstgeschichte, sondern referierte damit auch eindeutig auf die Spiritualität in Malewitschs Suprematismus. Auch für weitere Kunstrichtungen, wie das sogenannte Color Field Painting bei Yves Klein oder Ad Reinhardt, war Malwitsch ein prägender Einfluss.

Color Field Painting

Das Color Field Painting, auch Farbfeldmalerei genannt, ist eine Stilrichtung innerhalb des Abstrakten Expressionismus, der in den 1940er bis 1960er Jahren vor allem in New York populär war. Die Künstler:innen der Farbfeldmalerei wollten mit monochromen Farbfeldern tiefe emotionale Reaktionen hervorrufen. 



El Lissitzky, Ein Schlag, alles ist verstreut, 1920

Als Künstler von Weltrang beanspruchen sowohl Polen als auch Russland und die Ukraine das Erbe Malewitschs für sich. Lange konnten russische Kulturfunktionär:innen ihn im internationalen Kunstbetrieb als Aushängeschild der „Russischen Avantgarde“ und somit als vermeintlich russischen Künstler vereinnahmen. Mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine erfährt dieser Streit um Malewitschs Identität, um die Einflüsse und Beweggründe für sein Schaffen nun eine neue Brisanz.





Das vergessene Medium der Moderne

Der Einfluss der ukrainischen Volkskunst

The village was engaged in art (I didn't know this word then). [...] I watched with great excitement as the peasant women made paintings and helped them to smear clay on the floor of their houses and make patterns on their stoves. [...] I tried to transfer this culture to the stoves at home, but it didn't work."

Kasimir Malewitsch in seinen autobiographischen Notizen (zitiert nach Kunak, S. 575)

Grundlegende Struktur einer bestickten Wyschywanka-Bluse, 1925 

Traditionelle ukrainische Ostereier, 1899 

In seinen autobiographischen Notizen berichtet Malewitsch mehrfach von dem prägenden Eindruck, den die lokale bäuerliche Kunst während seiner Jugend in den ukrainischen Dörfern hinterließ. Malewitsch setzte sein eigenes Werk nicht in Zusammenhang mit der Volkskunst, sondern leitete den Suprematismus vom Kubismus und Futurismus ab. Dennoch lässt sich auf einer visuellen Ebene zumindest eine Ähnlichkeit zwischen seiner abstrakten Kunst und dem traditionellen ukrainischen Kunsthandwerk feststellen:

Ein traditionell bemalter Ofen in der südwestlichen Region Podolien der Ukraine, Anfang 20. Jahrhundert 

We can trace a stylistic correlation between elements of traditional Ukrainian decorative art and tenets of Suprematism, i.e. we can find polychromatic geometrised forms floating against a white background in both cases." – Katia Denysova

Die ukrainische Volkskunst verwendet vor allem geometrische Muster und unterschiedliche, häufig kontrastierende Farbtöne. Bekannt sind die filigranen Muster auf Ostereiern (Pysanky) und in den Stickmustern auf den Blusen der ukrainischen Tracht (Wyschywanka). Besonders beeindruckend für Malewitsch waren die dekorativen Bemalungen an den großen Öfen (Pichy), die ein zentraler Bestandteil der typischen bäuerlichen Häuser waren.

Ukrainische Volkskunst

Im Nationalen Museum für Dekorative Kunst in Kyjiv ist die traditionelle Volkskunst der Ukraine zu sehen. Heute im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine stehen die Wyschywanka-Blusen für das ukrainische Selbstbewusstsein und die Widerstandskraft der Nation.

Malewitsch war nicht der Einzige, der eine Bewunderung für diese Kunstformen pflegte. Zahlreiche Avantgardist:innen reisten gezielt in die Dörfer, um sich dort von der bäuerlichen Kunst inspirieren zu lassen. Auch die Künstler:innenvereinigung Die Blaue Lilie aus der Charkiver Metropole, zu der Viktoria Lowack intensiv forscht, interpretierte volkstümlichen Themen in ihren modernistischen Werken. Für Lowack stellen Referenzen auf die Volkskunst deshalb ein wesentliches Merkmal der modernen ukrainischen Kunst dar.

Die ukrainischen Künstlerinnen Olexandra Exter und Natalia Davydova gründeten in den frühen 1910er Jahren sogar eine Werkstatt im Ort Verbivka nahe Kyjiv. Dort arbeiteten sie mit traditionellen Kunsthandwerker:innen zusammen und nutzen die Stickkunst gezielt für ihre avantgardistischen Experimente. Es herrschte ein reger Austausch zwischen Avantgarde und Volkskunst. Davon erhofften sich die beiden Künstlerinnen eine kreative Energie, um Volksmotive zu modernisieren und neu zu interpretieren. Dafür baten sie ihre berühmten Freund:innen und Kolleg:innen um Entwürfe für die Werkstatt. Auch Malewitsch steuerte Skizzen bei, die als Kissenbezüge und Schals realisiert wurden. Für die Experimente der abstrakten Kunst bot sich die Arbeit mit Textil und Stickerei besonders gut an. Ein zentrales Thema war beispielsweise die Beschaffenheit von monochromen Farbflächen. Das textile Medium ermöglichte es, die Oberflächenstruktur, Plastik und Farbgebung geometrischer Formen eingehend zu untersuchen. Die traditionelle Stickkunst könnte so auf Entwicklungen in der Avantgarde zurückgewirkt haben:

We can speculate that engagement with Ukrainian embroideries allowed artists to inspect the texture of colour, its density, spatiality and mass, thus looking to solve some of the main tasks in twentieth-century painting (– the correlation of colours, the texture of volumes and the precise delineation of colour planes).” 

Katia Denysova

Nina Henke, Suprematistische Komposition, 1915

Aus urheberrechtlichen Gründen kann hier nur das Gemälde gezeigt werden. Dasselbe Motiv wurde 1916 in Verbivka als Seidenstickerei angefertigt. 

Im November 1915 stellten Exter und Davydova die Kunst ihrer Werkstatt erstmals in einer Ausstellung für zeitgenössische, dekorative Kunst in Moskau aus. Bereits einen Monat vor der berüchtigten Ausstellung 0,10 im Dezember waren hier Werke basierend auf Malewitschs suprematistischen Skizzen und einige seiner neuen abstrakten Bilder zu sehen. Ein weiteres Beispiel für Malewitschs Beteiligung ist eine suprematistische Kissenkomposition, welche die Werkstatt produzierte und 1917 in Moskau ausstellte. Das Kissen ist als schwarz-weiß Fotografie überliefert. Vorlage war ein Gemälde von Malewitsch, das heute im Besitz der Peggy Guggenheim Kollektion in Venedig ist. 

William Morris, Seitenwand, Rittersporn, 1874 

Die Faszination für volkstümliches Kunsthandwerk war zu dieser Zeit ein größeres Phänomen. In England popularisierte die Arts-and-Crafts-Bewegung dekoratives Kunsthandwerk, beispielsweise mit den berühmten Tapeten-Entwürfen von William Morris. Auch im russischen Teil des Zarenreiches gab es ab den 1870er Jahren ein Revival der Volkskunst. In sogenannten Kustar Studios – Kustar bezeichnete die bäuerlichen Kunsthandwerker:innen – sollte das traditionelle Handwerk bewahrt und gleichzeitig zur Kommerzialisierung optimiert werden. Dabei ging es jedoch stärker um den Erhalt von Arbeitsstellen und Herstellungspraktiken, die von den technischen Neuerungen und der Mechanisierung bedroht wurden.

Die Werkstatt in Verbivka muss zum einen im Kontext dieses größeren Folk Revivals gesehen werden. Dennoch hob sie sich von diesem breiteren Trend ab. Das ukrainische Bildungsbürgertum und die Künstler:innen, die sich der ukrainischen Volkskunst zuwandten, wollten dadurch auch ihre nationale Eigenständigkeit und kulturelle Besonderheiten betonen. Daraus leiteten sie unterschiedliche soziopolitische Haltungen ab und grenzten sich so vom imperialen Russischen Zarenreich ab. Der Erste Weltkrieg und der folgende Bürgerkrieg setzten diesen produktiven Experimenten mit dem Kunsthandwerk ein Ende. Die Werkstatt in Verbivka geriet weitgehend in Vergessenheit.  

Wie die meisten Avantgardist:innen verstand sich Malewitsch in erster Linie als ein Künstler, der an einer internationalen Kunstbewegung teilnahm. Dennoch lohnt der Blick auf die lokalen Einflüsse, die Malewitsch in seiner Jugend prägten. Die visuelle Sprache der ukrainischen Volkskunst bot einen Anknüpfungspunkt für die theoretischen Überlegungen und Abstraktionsprozesse der gegenstandlosen Kunst, die ihn und andere Künstler:innen ab den 1910er Jahren beschäftigten:

We can speculate, therefore, that modernist artists with exposure to Ukrainian decorative and folk art traditions found the transition to non-objective/abstract art rather organic.” – Katia Denysova

Eine Zukunft ohne Gesicht

Der Zweite Bauernzyklus

Kasimir Malewitsch, Rote Figur, 1928

Kasimir Malewitsch, Kopf eines Bauern, 1929 

Kasimir Malewitsch, Mann mit Pferd, ca. 1932

Kasimir Malewitsch ist in erster Linie für seine collagierten Gemälde und suprematistischen geometrischen Kompositionen bekannt. Sein Spätwerk, vor allem der sogenannte Zweite Bauernzyklus, erfährt hingegen weitaus weniger Beachtung. Im Vergleich zur innovativen Kraft seiner gegenstandslosen Malerei treten die figurativen Portraits in den Hintergrund. Da Malewitsch auffallend häufig Bäuer:innen darstellte, lohnt jedoch ein genauerer Blick. In der Wissenschaft gibt es vor allem für den zweiten Zyklus gegensätzliche Interpretationen, die sich vom damaligen sozialen und historischen Kontext ableiten.

Als Malewitsch erneut das bäuerliche Leben auf seine Leinwand brachte, wurden die sowjetischen Dörfer von radikalen Umwälzungen erschüttert. Stalin wollte ab 1929 endlich den Übergang von einem Agrar- zu einem Industrieland forcieren, um auf Augenhöhe mit den westlichen Staaten zu gelangen. Diese Industrialisierung im Schnelldurchlauf wurde von der sogenannten Politik der Kollektivierung begleitet. Privater Landbesitz wurde in großen Kollektiven zusammengeführt. Mit dieser Auflösung von Privateigentum sollte das sozialistische Projekt vorangetrieben werden. Bäuer:innen mit mittlerem und größerem Besitz galten nun als Feinde des Systems. Mit der Zwangskollektivierung ging auch ein grundsätzlicher Angriff auf die Strukturen der Dörfer einher. Landwirt:innen, die sich wehrten, wurden verhaftet, denunziert, deportiert und teils erschossen. Der Historiker Hans Henning-Schröder bezeichnet diese Politik daher als „Krieg gegen das Dorf“. 

Die Ukraine wurde von diesen Umwälzungen besonders hart getroffen. Dort lebte ein großer Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden ernährte die Ukraine die Sowjetunion zu einem beträchtlichen Teil. 1931 und 1932 fielen die ukrainischen Ernten extrem gering aus. Dennoch beschlagnahmte die Regierung die spärlichen Erträge und machte dadurch die Ernteausfälle zu einer Hungerkatastrophe. Dem sogenannten Holodomor („Tod durch Hunger“) fielen knapp vier Millionen ukrainische Bürger:innen zum Opfer. In der Sowjetunion wurde die Hungerkatastrophe geheim gehalten. Seit der Unabhängigkeit 1991 nimmt der Holodomor als nationales Trauma einen zentralen Rang in der Geschichte und Erinnerung der Ukraine ein. Seit einigen Jahren wird debattiert, ob die Hungersnot als Genozid gewertet werden kann. Das Regime hatte die Hungersnot zwar nicht von langer Hand geplant, um damit explizit die ukrainische Bevölkerung zu schwächen. Dennoch nahm Stalin die Opfer des Hungers billigend in Kauf. 

Verhungerte Bauern am Straßenrand in Charkiv, 1933

Vor diesem zeitgenössischen Hintergrund sticht Malewitschs erneuter Fokus auf das bäuerliche Leben besonders hervor. Seine Figuren nannte er „Budetljane“, auf Deutsch „Zukünftler“. Die dargestellte Zukunft ist jedoch trist und erdrückend. Wegen ihrer fehlenden Gesichter und Gliedmaßen wirken die Personen passiv, ihnen fehlt eine eigene Handlungsmacht. Daher sehen einige Historiker:innen in diesen Bildern eine Anklage gegen die stalinistische Politik und werten sie als Protestbilder. Als weitere Begründung führen sie die suprematistischen Elemente an, beispielsweise monochrome geometrische Formen, die weiterhin in Malewitschs Bildern präsent waren. Damit habe sich Malewitsch gezielt den ästhetischen Idealen des Sozialistischen Realismus entzogen. Katia Denysova wendet jedoch ein, dass der Sozialistische Realismus erst ab den 1940er Jahren verbindlich wurde und zuvor durchaus noch in anderen Stilen gemalt werden konnte.

Die konträre Deutung verurteilt Malewitschs Zweiten Bauernzyklus hingegen als einen kunsttheoretischen Rückschritt. Mit seiner Rückkehr zur figürlichen Malerei habe er mit seinen suprematistischen Prinzipien gebrochen und gleichzeitig Zugeständnisse an die stalinistische Kulturpolitik gemacht. Auch hier widerspricht Denysova. Malewitschs Zweiter Bauernzyklus entstand unter anderen soziopolitischen Vorzeichen als seine abstrakten Experimente. Ihm und vielen anderen Künstler:innen wurde bewusst, dass sich das Publikum ihrer Kunst verändert hatte. Ihre Werke sollten nun von der breiten proletarischen Bevölkerung anstatt bloß einer kulturellen Elite verstanden werden. Daher wandten sich zahlreiche Avantgarde-Künstler:innen im Verlauf der 1920er Jahre erneut der figurativen Malerei zu und ließen ihre gegenstandlosen Experimente hinter sich. Katia Denysova plädiert somit dafür, diese Rückkehr zur Figürlichkeit als eine Evolution in der Kunst Malewitschs anstatt als einen Rückschritt zu bewerten.

Viktoria Lowack fügt hinzu, dass Malewitsch mit dem Suprematismus den Höhepunkt der malerischen Reduktion erreicht hatte. Nach der vollständigen Gegenstandslosigkeit war eine philosophische oder technische Weiterentwicklung nicht mehr möglich. Malewitsch konnte demnach entweder innerhalb dieser Theorie verharren, oder aber erneut in der Figuration nach neuen Ausdrucksformen suchen.

Proletarier:innen

Als Proletarier:innen, bzw. kollektiv als Proletariat, werden in der marxistischen Lehre die arbeitenden Bürger:innen bezeichnet. Häufig waren dies Industriearbeiter:innen. Sie stellen in Abgrenzung von den Bäuer:innen und der Bourgeoisie eine eigene Gesellschaftsklasse dar.

Kasimir Malewitsch, Laufender Mann, 1932–1933 

Das Holodomor Museum nennt Malewitsch den einzigen uns bekannten Künstler, der den Holodomor zeitgenössisch in seinem Werk adressierte. Seine Bilder werden häufig zur Illustration von Publikationen über die Hungerkatastrophe verwendet. Das dürfte auch daran liegen, dass zahlreiche andere künstlerische Zeugnisse aus dieser Zeit vom repressiven Sowjetsystem zerstört wurden, so Viktoria Lowack. Konkret geht es um das Gemälde Laufender Mann, das einen schmalen Mann in typisch bäuerlicher Kleidung zeigt. Sein Gesicht scheint sich aufzulösen, der Hintergrund wird von zwei großen Kreuzen strukturiert und suggeriert so eine Gefahrensituation.

In einer weiteren Bleistiftzeichnung skizzierte Malewitsch 1932 den Umriss dreier zerbrechlich wirkender Figuren. Anstelle von Augen, Nase und Mund tragen sie je einen Hammer und Sichel (das Symbol des Kommunismus und der Sowjetunion), ein christlich-orthodoxes Kreuz und einen Sarg als Gesicht. Die Größe der Figuren steigt von links nach rechts, was einen zeitlichen Ablauf von Sowjetmacht, Tod und Beerdigung suggeriert. Unterschrieben ist die Zeichnung mit den Worten Wo Hammer und Sichel sind, dort ist Tod und Hunger, einer Zeile aus einem populären Volkslied dieser Zeit. Die Motive in den Gesichtern verwendete Malewitsch auch in weiteren Zeichnungen.

Kasimir Malewitsch, Figur in der Form eines Kreuzes mit erhobenen Händen, undatiert 

Trotz dessen gibt es keine konkreten Belege, dass sich Malewitsch mit diesen beiden Werken konkret auf den Holodomor bezog. 1930 verließ er die Ukraine, pflegte jedoch Kontakt zu seiner Schwester im ukrainischen Zhytomyr. Wegen der offiziellen Geheimhaltungspolitik der Sowjetunion ist es unwahrscheinlich, dass er tatsächlich über den Hunger Bescheid wusste. Katia Denysova merkt außerdem an, dass Malewitsch in seinem Werk bereits vor 1917 intensiv mit bäuerlichen Motiven gearbeitet hatte und dies daher kein neues Thema für ihn war. Dennoch kann man eine Entwicklung in seiner Werkchronologie beobachten: Im Ersten Bauernzyklus sind die Figuren kraftvoll, stolz und lebendig. Im Zweiten Bauernzyklus ist davon kaum mehr etwas übrig. Es lässt sich also durchaus spekulieren, dass Malewitsch das allgemeine Leid auf dem Land ausdrücken wollte. Für Viktoria Lowack zeigt sich in den figurativen Bildnissen ein Mitgefühl für das Schicksal der von der Kollektivierung der Landwirtschaft hart getroffenen Bäuer:innen. 

Triptychon der Identitäten

Wem gehört Malewitsch?

„Malewitsch wird zu einer Trumpfkarte im nationalen Kartendeck.“

Kunsthistorikerin Vita Susak (Übersetzung S.K.) 

Malewitsch war einer der wichtigsten Protagonisten der Avantgarde im östlichen Europa. Er kam aus einem polnischen Elternhaus und wirkte vor allem in Kyjiv, Wizebsk, Moskau und Sankt Petersburg/Leningrad. Wegen seines herausragenden Werkes versuchen sowohl Polen als auch die Ukraine und Russland, Malewitsch für die eigene nationale Kunstgeschichte zu reklamieren und so deren Bedeutsamkeit international zu unterstreichen. Bereits 1927 beklagte der polnische Kunstkritiker Tadeusz Peiper, dass der polnischstämmige Malewitsch im Land seiner Eltern lediglich gastierte.

Polish artists are overcome with melancholy at the thought that the Pole Malevich is not here working at their side. After all, our artistic life is not exactly rich with artists of his calibre.“ – Tadeusz Peiper (zitiert nach Susak, S. 145)

Schwermütig musste die polnische Kunstgeschichtsschreibung also anerkennen, dass Malewitschs Verbindung nach Polen in erster Linie über sein Elternhaus lief. Dennoch zeigt sich ein gewisser Stolz auf diesen Künstler und seine suprematistische Ästhetik wird für unterschiedlichste Zwecke verwendet. Besonders eindrucksvoll ist die deutliche Hommage an das Schwarze Quadrat an einem Denkmal in Warschau zu sehen. Es ist den Opfern eines tragischen Absturzes eines polnischen Flugzeugs bei Smolensk gewidmet.

Zwischen der russischen und ukrainischen Erzählung von Malewitsch laufen scharfe Konfliktlinien. Beide Seiten bemühen sich um einen alleinigen Anspruch auf Malewitschs Erbe. In der Ukraine zierten Malewitsch und das Schwarze Quadrat 2019 anlässlich seines 140. Geburtstages eine 2-Hrywnja-Gedenkmünze der Reihe Herausragende Persönlichkeiten der Ukraine. Als 2016 der Kyjiver Flughafen umbenannt werden sollte, rangierte Malewitschs Name unter den Top-Vorschlägen. Die Umbenennung wurde jedoch nie umgesetzt. 2024 stellte die ukrainische Regisseurin Daria Onyshchenko ihren Spielfilm Malevych vor, in dem sie die ukrainisch-polnische Identität des Künstler fokussiert. Malewitschs unvollendete Autobiographie zeugt von dem prägenden Eindruck der ukrainischen Volkskunst, ebenso seine Beteiligung an der Werkstatt in Verbivka und seine Vorliebe für bäuerliche Motivik. Als Dozent am Kyjiver Kunstinstitut trug er entscheidend zu dessen Ruhm bei. Über den befreundeten Künstler Lev Kvachevskiy schreibt er, dieser sei „wie er selbst“ Ukrainer gewesen. Die Kindheit in der Ukraine war zweifelsohne ein wichtiger Hintergrund für sein späteres Schaffen und erlaubt ein besseres Verständnis seiner künstlerischen Entwicklung. Dennoch mahnt die Kunsthistorikerin Katia Denysova davor, Malewitschs Werk als dezidiert ukrainisch zu beschreiben. Er selbst hatte Kollegen wie David Burljuk offen dafür kritisiert, in ihrer Kunst zu sehr auf ukrainische Motivik zurückzugreifen. 

In Russland hat die Vereinnahmung Malewitschs als „russischer“ Künstler Tradition und war lange auch international erfolgreich. Das zeigt beispielsweise die Stellvertreterrolle, die ihm im Zusammenhang mit der vermeintlich „Russischen Avantgarde“ zugeschrieben wird. 2019 startete die staatliche Tourismusbehörde Russlands eine neue Kampagne. Eine „suprematistische Landkarte“ verwendete geometrische Formen für die Umrisse des Landes. In zahlreichen Reklameanzeigen wurden die geometrischen Formen dann mit thematisch passenden Bildern gefüllt, um die kulinarische, geografische oder künstlerische Vielfalt Russlands darzustellen. Im Entwurf der Landkarte sticht ein Detail markant ins Auge. Das kleine Quadrat links außen, der westlichste Zipfel der Karte, ist mit „Krim“ beschriftet. Fünf Jahre nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel durch Russland, wurde sie ausgerechnet mit dem nachgeahmten Pinselstrich Malewitschs reklamiert.

Die Tourismuskampagne in Form einer „suprematistischen Landkarte“ Russlands



Diese einseitigen nationalen Beanspruchungen werden Malewitschs Biographie nicht gerecht. Er selbst lehnte nationale Bezeichnungen ab und nannte sich selbst zeitweise einen „Erdling“ (zemljanit). Als Avantgardist sah er sich als Teil einer internationalen künstlerischen Bewegung. Daher war es für ihn kein Widerspruch, seinen Namen wahlweise in der polnischen oder der russischen Schreibweise zu verwenden. Gerade diese Vielfalt der Gruppenzugehörigkeiten ist typisch für die Biographien des ausgehenden Zarenreiches und der Sowjetunion. Ihre Bevölkerung lebte in einem Vielvölkerreich, nicht in einem klassischen Nationalstaat. In der Sowjetunion untersagte die sozialistische Ideologie jedwede nationale Bestrebungen. Für Malewitsch und seine Zeitgenoss:innen dürften die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Identitäten fließend und weitaus weniger konfliktbehaftet gewesen sein als häufig angenommen.



Kasimir Malewitsch, Selbstportrait, 1910/1911 

Deshalb sind Überschriften wie „Warum Malewitsch jetzt Ukrainer ist“, die seit 2022 vermehrt aufkommen, genauso falsch wie die Bezeichnung „Russische Avantgarde“. Malewitsch war schon immer Ukrainer. Aber eben nicht nur. Er war auch das Kind polnischer Eltern, Sowjetbürger, internationaler Avantgardist und ein wichtiger Teil der Kunstszene in Moskau, Kyjiv und Wizebsk. Malewitsch nahm gleichzeitig an der gesamteuropäischen Moderne wie auch an einer distinktiv lokalen Moderne, etwa in Verbivka, teil. In seiner Kunst führte er so internationale Einflüsse mit der allgemein ostslawischen Bildsprache der Ikonenmalerei und dem spezifisch ländlich-ukrainischen Kunsthandwerk zusammen. Es sind diese Komplexitäten, die Malewitschs Identität ausmachen und die eine differenzierte Darstellung respektieren muss.

I prefer to use the notion of hyphenated identities [Bindestrichidentitäten, S.K.] that allows us to study and respect this pluralism. We cannot claim Malevich for any one nation, be it Ukrainian, Russian or Polish [...] and should instead focus on the polyphony of cultural impulses that informed his practice.”  – Katia Denysova

Ein Beispiel, wie man dieser Vielfalt gerecht werden kann, ist der Malewitsch-Preis, den das Polnische Institut in Kyjiv jährlich an junge ukrainische Künstler:innen verleiht und ihnen dadurch eine Residenz am Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Warschau ermöglicht. Für eine solches multinationales und differenziertes Erinnern gibt es allerdings eine Bedingung: Die Länder müssen sich auf Augenhöhe als historische Akteure mit eigener Geschichte und Kultur begegnen. Nur dann kann das Erbe Malewitschs gerecht geteilt werden.  

"Die Zeit der Schwarzen Quadrate ist vorbei"

Kasimir Malewitsch und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine

Die kulturelle Front des Krieges

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist auch ein kultureller Krieg. Das zeigt der verbale Imperialismus der russischen Propaganda, welcher der Ukraine jede eigene Kultur, Geschichte und somit ein eigenes künstlerisches Erbe abspricht. Die russischen Streitkräfte greifen ganz gezielt die kulturelle Infrastruktur der Ukraine an: Museen, Opernhäuser, Denkmäler. In den besetzten Gebieten werden Bibliotheksbestände verbrannt und Museen geplündert, teilweise werden ihre Kunstwerke nach Russland oder auf die Krim verschafft. Das zeigt, dass die Zerstörung der Kunst kein bloßer Kollateralschaden, sondern ein dezidiertes Kriegsziel ist. Die russische Führung möchte die Zeugnisse der nationalen Geschichte der Ukraine zerstören. Gleichzeitig soll die ukrainische Gesellschaft zermürbt werden, indem ihr identitätsstiftende Anknüpfungspunkte und Ressourcen genommen werden.

In dieser existentiellen Lage bemühen sich die Museen, zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und die Zivilgesellschaft, die Kunstwerke der Ukraine zu bewahren. 2022 gründete sich beispielsweise die Plattform Obmin (Ukrainisch für „Austausch“). Dort vernetzen sich ukrainische Museen und tauschen sich darüber aus, wie sie sich am besten vor den russischen Angriffen schützen können. Außerdem diskutieren sie Fragen der Museumspraxis und die Rolle der ukrainischen Kunst innerhalb der europäischen Kunstgeschichte. 

Hörempfehlung

Der Deutschlandfunk hat 2024 die Doku-Serie Die Kunstretter  veröffentlicht. Die sechs Folgen erzählen bewegende Geschichten von mutigen Ukrainer:innen, die Kunstwerke evakuieren, Kunstschätze vor der Zerstörung dokumentieren und vor die Augen führen, warum es sich lohnt, neben dem Überleben auch für die Kultur zu kämpfen. Zu hören ist die Podcast-Reihe direkt beim Deutschlandfunk oder bei den gängigen Streaminganbietern.



Eine eigenständige, ukrainische Kunstgeschichte



Die Ausstellung In the Eye of the Storm in der Royal Academy of Arts, London, 2024

Ebenfalls 2022 startete eine große Wanderausstellung In the Eye of the Storm. Modernismen in der Ukraine. Katia Denysova war als Kuratorin daran beteiligt. Aus den Beständen des Nationalen Kunstmuseums in Kyjiv und dem Museum für Theater, Musik und Kino der Ukraine wählten sie und ihre Kolleg:innen die Werke aus, welche die moderne Kunst der Ukraine von 1900 bis in die 1930er am besten repräsentierten. Die ausgewählten Künstler:innen wurden entweder in der Ukraine geboren, verbrachten dort einen beträchtlichen Teil ihres Lebens oder spielten eine zentrale Rolle für die kulturellen Entwicklungen in der Ukraine. Dieser breit angelegte Ansatz bringt viele verschiedene Stile und unterschiedliche Identitäten in einer Ausstellung zusammen. Er zeigt damit, wie stark die ukrainische Kultur von Vielfalt geprägt ist. Auch Malewitsch ist mit seinen Werken aus der Zeit am Kyjiver Kunstinstitut vertreten. Erstmals brachte eine Ausstellung die Kunst der Ukraine einem westlichen Publikum in einer solchen Breite nahe. Gleichzeitig ging es auch um das bloße Überleben: In den bedeutsamsten Kunsthäusern Madrids, Kölns, Brüssels, Wiens und Londons waren die Exponate sicher vor russischen Raketen. Bis Februar 2026 ist die Ausstellung im Muzeum Sztuki im polnischen Łódź zu sehen.

Watch-Empfehlung

Das Belvedere Museum Wien hat auf seinem Youtube-Kanal Interviews mit dem kuratorischen Team der Ausstellung geführt. Sie haben auch über die Arbeit unter den Bedingungen des Krieges gesprochen. 



In der Ukraine erfährt Malewitsch seit etwa zehn Jahren eine neue Konjunktur. Die Euromajdan-Proteste im Winter 2013/2014 und die militärische Aggression Russlands seit der Krim-Annexion haben eine verstärkte Hinwendung zum eigenen nationalen Erbe angestoßen. Ukrainische Institutionen und Namen sollten von imperialen russischen Narrativen befreit und als Teil der ukrainischen Geschichte neu kontextualisiert werden. Katia Denysova nennt diesen Prozess „eine Wiedergutmachung historischer Ungerechtigkeiten und eine Investition in epistemische Entschädigungen.“ Dabei dürfen jedoch die multikulturellen Nuancen nicht verloren gehen, für die Malewitsch ein vielsagendes Beispiel sei.



Die Stunde der russischen Kulturreaktionäre

Ausstellung in der Tretjakow-Galerie in Moskau, 1929. Neben Werken von Malewitsch hängt in der Bildmitte links unten ein Gemälde von Wassily Kandinsky. 

Bis vor wenigen Jahren bemühten sich staatliche Kunstakteure in Russland vor allem darum, jegliche künstlerische Errungenschaften der Sowjetzeit oder des Zarenreiches für sich zu reklamieren. Seit der Ausweitung des russischen Krieges gegen die Ukraine zur Totalinvasion im Februar 2022 scheint sich etwas in Russland zu drehen: Anstatt Malewitsch als Beleg für die „große Kulturnation“ Russland zu beanspruchen, wenden sich Kulturreaktionäre nun vom Erbe der europäischen Moderne ab. 

Einer von ihnen ist der Schauspieler Nikolai Burljajew, ein Ultranationalist und derart treuer Unterstützer des Krieges, dass die USA Sanktionen gegen ihn persönlich verhängt haben. Burljajew stieß im November 2022 die Gründung einer Kulturfront Russlands an. Ziel der Kulturfront ist es, eine patriotische Kulturpolitik zu bewirken, also nationalistisch orientierte Kunstschaffende zu unterstützen und „künstlerische Räte“ mit Zensurbefugnis einzusetzen. In der Eröffnungsdiskussion verdeutlicht Burljajew, welche Kunst in diesen neuen Kanon passt und welche nicht: Die Avantgarde-Kunst von Van Gogh, Kandinsky und Malewitsch sei hässlich und führe Russland in die falsche Richtung. „Die Zeit der Schwarzen Quadrate“ sei nun vorbei. Es gelte, diese Auswüchse der Moderne aus den Museen zu beseitigen.

Russland solle stattdessen als letzte Verteidigerin einer konservativen, europäischen Kultur dargestellt werden. Avantgarde-Kunst hat in diesem Bild einer europäischen Kultur genauso wenig Platz wie LGBT+-Rechte oder feministische Werte, gegen die die russische Propaganda ebenfalls hetzt. Diese Erzählung soll Anklang bei konservativen Kräften in Europa und der ganzen Welt finden.  Die kunsthistorischen Entwicklungen und Tendenzen in der Ukraine und Russland zeugen einmal mehr von den Entflechtungsprozessen der beiden Länder. Während die Ukraine ein nationales Narrativ der Vielfalt und Diversität verfestigt, streichen Kulturreaktionäre in Russland Teile der eigenen künstlerischen Geschichte aus ihrer ultrakonservativen Erzählung.



Eine Zeitenwende in der Kunstgeschichte

Doch auch im Westen stellt der russische Angriffskrieg eine kunsthistorische Zäsur dar, mit der die Kunsthistorikerin Denysova hart ins Gericht geht:

We must be honest that it took the Russian Federation’s unprovoked and brutal full-scale invasion of Ukraine for the discipline of art history to recognise its complicity in advancing Russian imperial narratives.“ 

Katia Denysova

Wie viele andere Disziplinen war die westliche Kunstgeschichtsschreibung lange Zeit empfänglich für russische Narrative, welche die gesamte osteuropäische Kunst für sich reklamierten. Russische Kulturdiplomat:innen stifteten vor allem in Deutschland erfolgreich einen Mythos von der „großen russischen Kultur“. Noch 2017, als Russland bereits seit drei Jahren einen blutigen Angriffskrieg gegen die Ukraine führte, setzten zahlreiche Kunstausstellungen zur Einhundertjahrfeier der Revolution von 1917 sowjetische Kunst mit russischer Kunst gleich. Die Royal Academy of Arts in London widmete Malewitsch in ihrer Schau einen zentralen Raum – seine polnische Abstammung oder sein Leben in der Ukraine erwähnten die Begleittexte jedoch nicht. Erst als die Totalinvasion 2022 das Bewusstsein für das Kriegsgeschehen nach Westeuropa brachte, schenkte die Kunstwelt ukrainischen Stimmen Gehör. Trotz langjähriger Debatten über Dekolonialisierung öffnete sich die westliche Kunstwelt nur langsam dafür, die Politik des Russischen Zarenreiches und der sowjetischen Regierung in Moskau als eine koloniale und imperiale Politik anzuerkennen. Mit der Kulturdiplomatie der Russischen Föderation reicht diese Politik bis in die Gegenwart. Nicht zuletzt wegen der selbstbewussten Interventionen ukrainischer Aktivist:innen und Kunsthistoriker:innen nimmt die westliche Kunstwelt die Ukraine erstmals als eigenständige kulturelle Akteurin mit einem reichen Erbe bedeutsamer moderner Kunst wahr. 

Heute gilt [Malewitsch] als eine Schlüsselfigur im dekolonialen Diskurs der zeitgenössischen Ukraine. Die eindeutige Aneignung seines Erbes durch Russland löst bis heute entschiedene Kritik aus – sowohl in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung als auch im zivilgesellschaftlichen Raum.“

Viktoria Lowack

Kasimir Malewitsch, Suprematistische Komposition. Fliegendes Flugzeug, 1915

Bis heute verlaufen Debatten über den Begriff der „Russischen Avantgarde“ oder die Umschrift in ukrainische Schreibweisen in Museen schleppend. Die Historikerin Viktoria Lowack beklagt einen oftmals mangelnden Elan und Willen, sich mit komplexeren Identitäten auseinanderzusetzen. Stattdessen verharre der Kulturbetrieb häufig in einfacheren, nationalen Zuschreibungen, die jedoch längst überholt und unzulänglichen seien. Für einen angemessenen Umgang mit der Vielschichtigkeit in der osteuropäischen Kunstgeschichte brauche es daher qualitativ hochwertige (kunst-)historische Forschung, welche die bisherigen analytischen Herangehensweisen ergänzten – eine Aufgabe, die auch einiges an Courage erfordere.



Kasimir Malewitsch ist ein berühmter, aber gleichzeitig nur kleiner Teil eines größeren kunsthistorischen Komplexes. Zahlreiche Künstler:innen aus den nicht-russischen Bevölkerungsgruppen des ehemaligen Zarenreiches und der ehemaligen Sowjetunion sind fast vollständig in Vergessenheit geraten. Aber Malewitsch ist ein wichtiger Startpunkt, der durch seine Prominenz zeigt, wie wichtig und überfällig ein nuancierter, neuer Blick auf die Kunst Ostmitteleuropas ist – und wie schön es ist, das großartige Werk dieses Jahrhundertkünstlers in all seinen Facetten neu kennenzulernen.

Kasimir Malewitsch, Landschaft mit weißem Haus, 1929

Ausgewählte Bibliographie

Anna Kunak: The Phenomenon of the Ukrainian Artist Kazimir Malevich, in: logos-science, Education and Science of Today. Intersectoral Issues and Development of Sciences, 29.03.2014, S. 574–584, URL: DOI 10.36074/logos-29.03.2024.123. 

Die ZEIT Online: Schau in Köln. Die Russische Avantgarde ist auch Ukrainische Moderne, Stand 02.06.2023, URL: https://www.zeit.de/news/2023-06/02/die-russische-avantgarde-ist-auch-ukrainische-moderne.

Gilles Néret: Kasimir Malewitsch und der Suprematismus, 1878–1935, Taschen Verlag, u.a. Köln, 2003.

Gritta von Toll: 5 Dinge, die man über Kasimir Malewitsch wissen sollte, in: Barnebys Magazin, 12.05.2025, URL: https://www.barnebys.de/blog/5-dinge-die-man-uber-kasimir-malewitsch-wissen-sollte.

Hamburger Kunsthalle: Das Schwarze Quadrat, 23.03.2007–10.06.2007, Hommage an Malewitsch, URL: https://www.hamburger-kunsthalle.de/de/das-schwarze-quadrat.

Katia Denysova: Art for Justice. What Ukraine´s Artistic Heritage Teaches Us about Russian Imperialism, in: The London Ukrainian Review, Nr. 3, 2024, 31.10.2024, URL: https://www.londonukrainianreview.org/posts/art-for-justice. 

Katia Denysova: From Folk Art to Abstraction. Ukrainian Embroidery as a Medium of Avant-Garde Experimentation, in: Arts, 11, 110, 2022, S. 1–17.

Kia Vahland, Die vielen Farben der Revolution, in: Republik, 2023, Stand 14.03.2023, URL: https://www.republik.ch/2023/03/14/vahland-die-vielen-farben-der-revolution.

Kia Vahland: Das „Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch, in: Bremen Zwei, Was macht die Kunst?, Stand 01.09.2024, URL: https://www.bremenzwei.de/audios/kunst-kolumne-malewitsch-100.html.

Konstantin Akinscha: Putins Gott ist groß. Russlands Reaktionäre Kunst, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Stand 18.01.2023, URL: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/russlands-kulturfront-bekaempft-die-avantgarde-kunst-18609086.html.

Noemi Smolik: Malewitschs Ohrfeige dem modernen Geschmack. Die andere, russische Moderne, Matthes und Seitz Verlag, Berlin, 2025.

Brigitte Obermayr: Datumskunst. Datierte Zeit zwischen Gegebenem und Möglichkeit. Betrachtungen anhand der russischen/sowjetischen Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, transcript Verlag, Bielefeld, 2022.

Royal Academy of Arts: Start Here. Modernism in Ukraine, Stand 28.05.2024, URL: https://www.royalacademy.org.uk/article/start-here-modernism-in-ukraine.

Sabine Oelze: Die ukrainische Kunst erhält ihre Geschichte zurück, in: Deutsche Welle, Stand 30.05.2023, URL: https://www.dw.com/de/wie-der-krieg-in-der-ukraine-die-kunstgeschichte-neu-schreibt/a-65659424.

Vita Susak: Whose Malevich? Why Malevich?, in: Connexe, 5/2019, Divided Memories, Shared Memories, Poland, Russia, Ukraine. History mirrored in Literature and Cinema, S. 140–155.



Vom Essen, dem Fremden und der Ukraine

Stimmengewirr füllt meine kleine Küche an einem Donnerstagvormittag Anfang Mai. Zwei Damen mittleren Alters unterhalten sich angeregt auf Ukrainisch. Ich stehe daneben, sauge jeden Wortfetzen auf, den ich verstehe. Schaue ratlos meine zwei Kommilitonen Magnus und Richard an. Eine der beiden Frauen wendet sich an mich, erklärt mir in einfachen, aber gut verständlichem Deutsch, welche Zutaten alle in den Teig gehören, den sie da knetet. Die andere Frau rührt die Suppe um, die in einem großen Topf auf den Herd brodelt. Sie hat eine rötliche Farbe. Es liegt der Duft von Zwiebeln, Butter und etwas Säuerlichem in der Luft. Wir kochen Borschtsch und Vareniki. Die beiden Damen wollen uns jetzt zeigen, wie man letzteres faltet.

Zu einer der beiden Frauen, L. habe ich bereits seit mehreren Monaten Kontakt über WhatsApp. Heute treffe ich sie das erste Mal. L. hat sich bereit erklärt, zu mir nach Hause zu kommen, mich in die ukrainische Küche einzuführen und dabei mehr über ihr Leben, ihre Heimat und ihre Kultur zu lernen.

Zwischen Vareniki und Egoproblemen

Und jetzt stehen sie in meiner Küche und möchten uns zeigen, wie man Vareniki faltet. Ich habe schon immer gerne gekocht. Gelernt habe ich es vor allem von meiner Großmutter und später in der Schule. Ich würde von mir selbst behaupten, dass ich eine recht anständige Köchin bin. Umso mehr knackst es jetzt an meinem Ego, dass Vareniki wohl nicht zu meiner Spezialität werden. Wieder und wieder zeigen sie uns, wie man Vareniki mit einer oder beiden Händen falten kann. Bei den beiden Frauen sieht es so einfach aus. Geduldig zeigen sie uns jeden einzelnen Schritt. Was in der Theorie so mühelos aussieht, offenbart sich in der Praxis schnell komplizierter. Aber Richard hat schnell den Dreh raus. Unter Jubel und gutem Zusprechen präsentiert er uns stolz seine Vareniki. Im Gegensatz zu Magnus und mir, wir scheinen so etwas wie zwei linke Hände bei der Vareniki Produktion zu haben. Dennoch werden auch unsere Bemühungen gelobt und wir geben lachend zu, dass Richard richtiges Talent hat. An diesem Tag lernen wir alle voneinander. Aber am meisten lernen wir Studierenden über die Ukraine und welche Bedeutung es haben kann, im Exil durch Essen mit der Heimat verbunden zu sein.

Borschtsch

Vareniki (zweierlei)

Haluschky

Syrnyky

Ein kurzer Überblick

Essen ist so viel mehr als nur bloße Nahrungsaufnahme. Essen verbindet uns, es definiert uns. Jeder Mensch muss essen, um zu leben. Gleichzeitig fördert Essen Gemeinschaft und Dialog. Auch wenn lokale oder gar nationale Essgewohnheiten variieren, so bringt die Nahrungsaufnahme Menschen zusammen und fördert den Austausch. Durch Gerüche und Geschmäcker erweckt Essen in uns Erinnerungen, Gefühle und Sinneswahrnehmungen. Und nicht zuletzt ist Essen und die Kulinarik eines Landes ein Teil dessen Kultur. Der folgende Beitrag wird immer wieder gerahmt von der gemeinsamen Begegnung zwischen uns Studierenden und den zwei Ukrainerinnen.

Dabei wird es Einschnitte zur Kulinarik und der länderspezifischen Küche der Ukraine geben. Ebenso wird der Beitrag in das Forschungsfeld der ethnologischen Kulinarik einführen und aufzeigen, inwiefern anhand des Essens ein Land, seine Geschichte, seine Kultur und seine Identität untersucht werden kann. Abgerundet wird der Beitrag mit ausgewählten Rezepten ukrainischer Gerichte, die zum Nachmachen und Rumprobieren einlädt.



Lebensrealitäten

L. erzählt uns von ihrer langen und mühseligen Flucht aus ihrer Heimat, der ukrainischen Stadt Charkiw. Bereits 2022 wenige Monate nach dem Start des vollumfänglichen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine muss L. fliehen. In ihrer Not und voller Eile kann sie nur wenige Dinge aus ihrer Heimat mit sich nehmen. Kleidung, Dokumente und Medikamente. Zuerst mit dem Zug, dann zu Fuß und schließlich mit dem Bus flieht sie quer durch die Ukraine und gelangt nach Deutschland. Aber auch in Deutschland hört ihre Reise zunächst nicht auf. 2022 findet sie sich inmitten einer globalen Pandemie in einem fremden Land wieder. Doch sie hat Glück im Unglück und kann später bei einer Tübinger Familie unterkommen, dort lebt sie sechs Monate, bevor sie eine eigene Wohnung findet. Immer wieder erzählen die zwei Frauen uns an diesem Tag von ihrer alltäglichen Auseinandersetzung mit dem Krieg. Hier im Exil leben sie in Sicherheit. Diese Sicherheit verteidigen ihre engsten Familienangehörigen an der Front. Ls. Neffen, die im selben Alter sind wie ich, verteidigen ihre Heimat und die Sicherheit Europas an vorderster Front. Für mich eine unvorstellbare Situation. Für L. tägliche Realität. Fast jeden Tag steht sie im Kontakt mit ihnen und ihrer Familie. Tagtäglich lebt sie mit der Angst, dass sie ihre Liebsten nie wieder sehen wird. Der Krieg habe sie gelehrt, was wirklich wichtig ist.



Die Geschichte der ukrainischen Kulinarik

Wirft man einen Blick auf die Geschichte der Ukraine, so ist die vollumfängliche Invasion nicht der einzige Krieg, der das Land in den letzten 100 Jahren geprägt und erschüttert hat. Während und nach den ersten beiden Weltkriegen hat sich die Ukraine und ihre Essgewohnheiten dauerhaft verändert. Dabei waren die Kriege nicht die einzigen Katastrophen, die für eine Veränderung der Lebensmittelpolitik sorgten. In der menschengemachten Hungerkatastrophe des Holodomor waren Angst und Hunger ein alltäglicher Begleiter des ukrainischen Lebens. Die Menschen in der Ukraine lebten im Spar- und Notmodus; es wurde dafür gesorgt, dass jeder noch so kleine Bestandteil aus Ernte und Tierzucht verwendet wurde. Lebensmittel zu verschwenden konnten sich die hungernden Ukrainer:innen schlicht nicht leisten.

Aus dieser Zeit gibt es viele verschiedene Methoden und Techniken der Haltbarmachung von Lebensmitteln, die sich heute noch großer Beliebtheit in der Kulinarik des Landes erfreuen. Auch außerhalb von Krieg und Katastrophen blickt die Ukraine auf eine lange kulinarische Geschichte zurück. So stammt aus dem russischen Zarenreich die Bezeichnung der Ukraine als „Kornkammer der Welt“. Damals kamen 90% des exportierten Getreides aus der fruchtbaren Ukraine. Damit verbunden hat die Herstellung von Brot einen besonderen Stellenwert in der ukrainischen Kultur. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein war es üblich, dass meist die weiblichen Mitglieder einer Familie oder Gemeinschaft die Brotherstellung übernahmen. Einmal die Woche kamen sie zusammen, um genug Brot für die bevorstehende Woche zu backen. Je nach Region gab und gibt es immer noch große Unterschiede in den vorkommenden Brotsorten.

In der ukrainischen Festkultur ist das Brot ein wichtiger Bestandteil. Zu Ostern wird traditionell das Paska gebacken, ein süßliches Gebäck aus einem Milchteig. Das Korovai, das traditionelle Hochzeitbrot, erinnert an einen elaborierten Hefezopf. Sie werden oft mit geflochtenen Teigsträngen und aus Teig hergestellten Symbolen aufwendig verziert. Früher wurde das Brot meist von mehreren weiblichen Mitgliedern einer Familie über mehrere Tage hinweg gebacken. Heutzutage kann es gekauft und nach individuellen Wünschen bestellt werden.



Über Nahrungslandschaften und Jahreszeiten

Weitere regionale Unterschiede der ukrainischen Kulinarik bestehen auf der Verwendung von Obst und Gemüse.

In sogenannten Nahrungslandschaften ist die Ernährung einer Region ähnlich und nicht von Ländergrenzen abgesteckt. Das liegt vor allem an der Agrikultur der einzelnen Regionen.

Die Ukraine mit ihrem mäßigen Klima hat in den wärmeren Monaten eine ertragreiche Ernte. Deshalb werden frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse vorwiegend saisonal verwendet. Die Zubereitung von Salaten mit frischen Kräutern, die Ernte von Rhabarber und Spargel sind typisch für den Frühling. Wenn es im April dann langsam wärmer wird, gibt es mit den Erdbeeren das erste Obst der Saison.

Im Sommer reifen Kirschen, Blaubeeren und Heidelbeeren.

Gerade letztere sind in der Ukraine als süße Füllung für Vareniki besonders beliebt. Neben den zahlreichen Beerensorten werden auch Gurken, Tomaten und Paprika geerntet, die wichtige Bestandteile der Kulinarik sind. Das Ende des Sommers leitet die Wassermelonenernte ein. Wassermelonen werden nicht nur frisch konsumiert, sondern sind auch eingelegt eine beliebte Frucht auf dem Speiseplan. Zur kälteren Jahreszeit im Herbst werden dann herzhaftere Gerichte gekocht. Auf dem Speiseplan stehen jetzt vor allem saisonale Pilze; auch Kürbisse, Kohl, Karotten, rote Beete und Zwiebeln sind wichtige Vertreter dieser Jahreszeit. Die Landwirtschaft kommt langsam zur Ruhe. Außer Pflaumen gibt es kaum frische Lebensmittel auf dem Tisch.

In den teilweise eisigen Winter in der Ukraine kommt der Ackerbau zum Stillstand.

Die Küche greift nun auf bisher haltbargemachte Lebensmittel zurück. Im Keller lagern rote Beete und Kartoffeln. In unserer modernen, globalisierten Gesellschaft ist die Zugänglichkeit zu Lebensmittel durch unsere Supermärkte anders geregelt. Aber keineswegs selbstverständlich.

Die Geschichte und die Nahrungslandschaften so wie Geografie, Flora und Fauna sind alles Zugangspunkte der kulinarischen Ethnologie. Der Wissenschaft, die sich mit dem Essen und der Kulinarik auseinandersetzt. Grundlage dieser wissenschaftlichen Methode ist der Faktor, dass Essen (über)lebenswichtig ist und sich der Mensch täglich damit auseinandersetzten muss.

Die Nahrungsaufnahme ist mit Wissen, sozialer Interaktion, regionaler und nationaler Tradition, Kultur und Geschichte verbunden. Die kulinarische Ethnologie geht davon aus, dass sich die kulinarischen Prozesse eines Landes nicht getrennt voneinander entwickeln, sondern parallel sind und sich dabei aufeinander beziehen. Deswegen spricht sie auch selten von nationalen Speisen, weil unsere heutigen Ländergrenzen keine Hoheitsgewalt über die Nahrungsaufnahme haben. Vielmehr werden Regionen in die oben bereits erwähnten Nahrungslandschaften unterteilt, die sich aufgrund ihrer Nahrungsmittelproduktion und deren Konsum ähneln. Weiter Einflüsse auf diese Nahrungslandschaften können zum Beispiel Kriegs- und damit verbundene Migrationserfahrungen haben, wie sie gerade die Ukraine erfährt. Dies sorgt dafür, dass sich Speisen und ihre Zubereitung weiterverbreiten und entwickeln. „Fremde“ Speisen entwickeln regionale Küche weiter.

Die deutsche Küche etwa wurde stark durch die Gastarbeiterbewegung der 1950/60er beeinflusst. Seitdem sind Pizzerien, Dönerläden und co. nicht mehr von der Nahrungslandschaft wegzudenken. Und auch mit der Migration von ukrainischen Exilsuchenden wird sich die Kulinarik weiterentwickeln.



Über das Essen hinaus

Denn Essen bedeutet auch Wissen, kulinarisches Wissen. Es beinhaltet verschiedene Zubereitungstechniken und Techniken der Haltbarmachung. Dieses Wissen wird meist über Generationen hinweg weitergegeben und entwickelt. Gerade in der Ukraine nehmen die verschiedenen Techniken der Haltbarmachung von Lebensmitteln einen besonderen Stellenwert ein. Geprägt von den oben bereits erwähnten Einschnitten der Weltkriege und der Hungerskatastrophen waren diese Techniken (Überlebens)wichtig. Durch das Einkochen, Fermentieren und Pökeln von Lebensmitteln finden sich heute noch besonders saure und salzige Geschmäcker in der ukrainischen Kulinarik wieder. Die Fermentation (ukr. Kvasny) sorgt für ersteres. Insbesondere fermentierter Kohl, Gurken, Tomaten, Auberginen und Paprika sind gängige Lebensmittel. Salzige Geschmäcker entstehen oft, indem die Lebensmittel in Salz eingelegt werden. Sie werden mit einem Essigsud oder mit Salzwasser bedeckt und in luftdichten Gläsern gelagert. Eine weitere Möglichkeit der Haltbarmachung ist das Pökeln, also das Bedecken von Fleisch oder Fisch mit Salz.

Neben Wissen und Geschichte ist Essen vor allem gesellschaftliche Praxis. Das gemeinsame Essen, wer kocht für wen, was wird zu welchen Anlässen gekocht, ist ebenfalls Untersuchungsgegenstand der ethnologischen Kulinarik. L. erzählt uns, dass ihr das gemeinsame Kochen und Essen eine Stütze gegeben hat, um sich in Tübingen wohlzufühlen. Mehrmals im Jahr trifft sich die ukrainische Gemeinschaft und alle die dazukommen möchten im Tübinger Kino. Nicht nur um dort gemeinsam Filme auf Ukrainisch zu schauen, sondern auch, um davor gemeinsam zu Essen. Mitgebracht werden Speisen und Getränke, die zuvor daheim zubereitet wurden. L. erzählt uns, dass das gemeinsame Zubereiten und Konsumieren von ukrainischen Speisen ihr ein Gefühl von Kontinuität und Heimatverbundenheit schenkt.

Sie treffen sich und zelebrieren ihre gemeinsame Herkunft, auch wenn diese mehrere tausend Kilometer entfernt ist. Das Essen verbinde sie über die räumlichen Grenzen hinweg.

Oftmals kann es durch Migrations- und Exilerfahrungen zu einer Wiederentdeckung von Gerichten und Getränken kommen. Denn Essen weckt Erinnerungen und spendet Wärme und Fürsorge. Gleichzeitig ist Essen auch ein Symbol der eigenen Identität und Zugehörigkeit. Speisen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Kulturen, sie zeugen von Traditionen und Wissen. Sie zeigen aber auch gleichzeitig, dass unsere Kultur nicht vollständig entwickelt ist, sondern ein konstant fortlaufender Prozess ist. Die Kulinarik ist also auch ein Zugangspunkt zur Kultur eines Landes, seiner Geschichte, Tradition und Lebensstil. Gleichzeitig zeigt sie uns Unterschiede in unseren Kulturen und wie sie sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Die Esskultur wird deshalb auch von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe angesehen.

Seit Juli 2022 steht die Zubereitung des Borschtsch auf der Liste des immateriellen Kulturerbes. Der Borschtsch ist wohl DAS Gericht der ukrainischen Küche. Er ist wohl einer der bekanntesten Suppen der Welt.

Für seine Zubereitung gibt es endlos viele Möglichkeiten. Auch mit L. kochen wir Borschtsch. Wir kochen eine vegetarische Version. Unter anderem, weil ich Vegetarierin bin und weil L. diesen bevorzugt. Er sei besser verträglich und ihre Version ist besonders gut für den Magen und für die Gesundheit. Auf unsere Frage, was denn gar nicht in den Borschtsch gehört, kann uns L. keine Antwort geben. Er ist sowohl Vorspeise als auch Hauptgericht. Er kann warm, aber auch kalt serviert werden. Eine dünne oder dicke Konsistenz haben. Fast jeder/jede Ukrainer:in kann Borschtsch kochen oder hat ein eigenes Lieblingsrezept. Selbst der Grundgeschmack der Suppe variiert stark, mal ist er eher säuerlich, mal süß. Neben der Roten Beete findet man auch Kohl, Kartoffel, Bohnen, Pilze, Pflaumen oder sogar Erdbeeren im Borschtsch. Er kann vegetarisch, mit Fleisch oder Fisch zubereitet werden. Der Borschtsch ist grenzenlos in seinen Möglichkeiten.

Zurück in Tübingen

Auf dem Weg von unserem Treffpunkt zu mir nach Hause erzählen mir die beiden Frauen von sich. Eigentlich sei L. Dozentin der Biochemie an der Universität Charkiw. Hier in Deutschland ist sie arbeitslos, weil ihr die nötigen Sprachkenntnisse fehlen. Zwar besucht sie hier Sprachkurse, diese werden aber nur bis zu einem gewissen Sprachniveau angeboten. Für eine Anstellung an der Universität reichen sie deshalb nicht. Weder für die Lehre noch für eine Anstellung in der Forschung. Im Allgemeinen möchte sie hier im Exil nur so lange bleiben wie nötig. Als wir meine WG betreten, erzählt sie uns von ihrer großen, von Licht durchfluteten Wohnung, die sie in Charkiw zurückgelassen hat.

Ganz selbstverständlich lädt sie uns zu sich nach Hause ein. Ein zu Hause was mit aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr existiert. Welches den russischen Bombardements zum Opfer gefallen ist.

Dennoch sehnt sich L. nach ihrer Heimat. Umso wichtiger ist es für sie hier in Deutschland ukrainisch zu kochen, um ein Stück ihrer Heimat hier im Exil aufrecht zu halten.

Nach einer kurzen Inspektion meiner Küche legen die beiden Frauen auch direkt los. Emsig sammeln sie die zu benötigen Lebensmittel. Suchen Töpfe, Pfannen, Messer und Bretter zusammen. Wir wollen ihnen helfen, wollen von ihnen lernen. Anfangs ist die Sprachbarriere dann doch etwas präsent. Die Kommunikation miteinander funktioniert trotzdem, mit Händen, Füßen und vor allem mit unserer Mimik unterhalten wir uns. Irgendwie versteht man sich dann doch.



Bis wir ihnen dann schließlich helfen dürfen, vergeht einige Zeit. Die Jungs dürfen schließlich Zwiebeln, Kartoffeln und Karotten schneiden, die wir für den Borschtsch und die Vareniki benötigen. Aber auch dabei werden wir streng beobachtet und erst geschult. Hatte ich am Anfang befürchtet, dass sich der Mittag ziehen wird und uns die Gesprächsthemen ausgehen, werde ich schnell vom Gegenteil belehrt.

Plötzlich gibt es nichts Natürlicheres als mit den zwei Frauen und meinen Kommilitonen zusammen in der Küche zu stehen, zu schnippeln und dabei Smalltalk zu halten. Der Umgang miteinander ist herzlich und vertraut.

Sofort merke ich, die zwei Frauen sind nun voll in ihrem Element. Auf meine Nachfragen, wie viel sie von diesem und jenem verwenden bekomme ich eine Antwort, die ich schon so oft von meiner eigenen Großmutter erhalten habe. „Ja ein wenig“, „ahh ein bisschen mehr“, genaue Grammangaben sind hier fehl am Platz. Gekocht wird nach Gefühl und Erfahrung. Von unserem Dokumentationseifer sind sie amüsiert, alles wird mit der Kamera festgehalten, auf meinem Handy läuft eine Aufnahme, um den Tag später zu verschriftlichen. Immer wieder winken sie uns zu sich her, damit sie uns einzelne Arbeitsschritte zeigen können und wir sie mit der Kamera festhalten können. Gleichzeitig fragen sie uns immer wieder nach den deutschen Bezeichnungen einzelner Kochutensilien.

Und so lernen nicht nur wir vieles an diesem Tag von den beiden Frauen, sondern auch sie lernen vom Kartoffelstampfer und vom Suppenschöpflöffel. Vor dem abschließenden gemeinsamen Essen achtet L. streng darauf, dass wir alle unsere Hände waschen, erst dann dürfen wir uns setzten. Spätestens jetzt ist die Sprachbarriere dahin. Auf die Frage, was sie hier in Deutschland überrascht hat, müssen die beiden Frauen lachen.

Dass der Osterhase hier die Eier an Ostern bringt. Das mache ja gar keinen Sinn, wie soll denn ein Hase Eier legen? Biologisch unmöglich! In der Ukraine gibt es keinen Hasen, aber Geschenke gäbe es durchaus.

In Tübingen fühlen sie sich mittlerweile wohl, weil sie hier auf eine Gemeinschaft gestoßen sind in der sie sich aufgenommen fühlen und auch, weil Tübingen sie an Charkiw erinnert. Zwar sei Charkiw viel größer als Tübingen und auch mehr von der Industrie geprägt, aber die Atmosphäre sei die gleiche. So viele junge Menschen, ein wenig verträumt. Eine Stadt, die von Studierenden geprägt war.

Zuerst wird das Gemüse geschnitten.

Karotte und rote Beete wird geraspelt.

Das Gemüse wird angedünstet, es duftet jetzt herrlich nach Butter, Zwiebeln und roter Beete.

Dem angedünsteten Gemüse wird Tomatenmark hinzugefügt, um den Geschmack zu intensivieren.

Borschtsch wird angerichtet.

Weiter geht es mit den Vareniki.

Erst wird demonstriert...

dann versucht Magnus sein Können...

und ich.

Bei genauem Hinsehen lässt sich erahnen, wer, welche Vareniki geformt hat.

Köstlich sind sie so oder so!

Kleine ukrainische Küche

Borschtsch

Zutaten: 2l Wasser, 2 kleine Stück Rote Beete, 4 Mittelgroße Kartoffeln, 2 Karotten, 3 Zwiebeln, 300gr Weißkohl, 2 Spitzpaprikas, 2-3 El Tomatenmark + mehr zum Abschmecken, Sonnenblumenöl, 3 Lorbeerblätter, Zitronensaft, Salz und Pfeffer nach Geschmack, frische Petersilie, Dill, wenn vorhanden Smetana sonst Sauerrahm/Creme fraîche

Zwiebel und Paprika in kleine Würfel schneiden. Den Weißkohl in dünne Streifen. Rote Beete und Karotte mit einer Küchenreibe grob raspeln. In einem großen Topf das Wasser zum Kochen bringen. Währenddessen in einer Pfanne ca. 1El Sonnenblumenöl erhitzen. Rote Beete, Karotten und Zwiebeln glasig braten. Währenddessen die Kartoffeln waschen, schälen und in mundgerechte Stücke schneiden.

In das kochende Wasser geben. Mit einer Tasse etwas von dem kochenden Wasser abschöpfen und mit dem Tomatenmark verrühren. Zu der Gemüsemischung in die Pfanne geben und weitere 5 Minuten eindicken lassen. Wenn die Kartoffeln beinahe weich sind den Weißkohl, die Paprika und die Lorbeerblätter hinzugeben. Die Suppe so lange köcheln lassen bis der Kohl gekocht, aber immer noch bissfest ist. Mit Zitronensaft, Salz und Pfeffer abschmecken und mit Smetana und frischen Kräutern anrichten.

Vareniki mit Frischkäsefüllung

Zutaten: Zutaten: 125ml Wasser, 1 ½ Tl Salz, 1 Ei, 3EL Sonnenblumenöl, 375g Mehl, für die Füllung: 1 Packung körniger Frischkäse (z.B. Dovgan oder Quarki. Als Alternative kann auch herkömmlicher körniger Frischkäse verwendet werden. Diesen in einem Tuch etwa eine Stunde abtropfen lassen), 1 Eigelb, Salz, Butter, Smetana o.ä., frische Käuter

In einer Rührschüssel, das Salz mit dem Mehl mischen. Das Wasser aufkochen und 30sek. abkühlen lassen, bevor es der Rührschüssel zugegeben wird. Den Teig zu einer homogenen Masse verkneten. Anschließend das Ei mit dem Öl in einer separaten Schüssel verquirlen und hinzugeben. Vorsicht: Der Teig darf nicht zu heiß sein, da sonst das Ei stockt. Weiter kneten und den Teig auf eine bemehlte Arbeitsfläche geben und so lange kneten, bis eine glatte Oberfläche erreicht ist. Der Teig hat die richtige Konsistenz, wenn er beim Eindrücken mit dem finger wieder in seine ursprüngliche Form zurück geht. Den Teig in Frischhaltefolie wickeln und 30 Minuten ruhen lassen.

Währenddessen den körnigen Frischkäse mit dem Eigelb mischen und nach Geschmack mit Salz abschmecken.

Nun geht es an die Formung der Vareniki. Dafür den Teig noch einmal auf einer leicht bemehlten Arbeitsfläche durchkneten. Den Teig nun halbieren und zu Stangen rollen. Diese sollten ca. 3 cm ø haben. Nun etwa fingerbreite Stücke abschneiden und diese mit dem Nudelholz kreisrund ausrollen bis sie ca. 3mm dick sind. Die Kreise nun mit jeweils einem Teelöffel Füllung befüllen. Jetzt kommt der schwierige Teil, das Schließen der Vareniki. Den Teig mit der Füllung in eine Hand nehmen und die zwei Enden zueinander führen. Mit den Daumen und Zeigefinger abwechseln den Teigrand umklappen, so dass ein Wellenförmiger Rand entsteht. In einem Topf erneut Wasser aufkochen und ein Sieb einlegen. Die Vareniki nacheinander für ca. 5 Minuten dämpfen. Alternativ können die Vareniki auch in Wasser gekocht werden. Die fertigen Vareniki auf einen Teller geben und mit etwas Butter, Smetana und frischen Kräutern servieren.

Tipp: Die Vareniki kann man ungekocht auch super einfrieren. Dabei die Vareniki abgedeckt auf einem Teller für 30 Minuten anfrieren lassen. Dabei sollten sich die Teiglinge nicht berühren. Danach können sie in Gefrierbeutel umgefüllt werden. Zum Auftauen die Teiglinge wie gewohnt zubereiten.



Vareniki mit Kartoffel und Pilzfüllung

Zutaten: 200ml Buttermilch oder Kefir, 250g Mehl, 1El Öl, ½ Tl Salz, 400g Kartoffeln, 200g getrocknete Pilze (vorher in Wasser aufquellen lassen), 2 Zwiebeln, Butter

In einer Rührschüssel Buttermilch, Öl und Salz verrühren. Das Mehl sieben und untermischen. Solange kneten, bis ein glatter Teig entsteht. Den Teig 30 Minuten abgedeckt im Kühlschrank ruhen lassen.

Für die Füllung die Kartoffeln waschen, schälen und in schmale Scheiben schneiden. Währenddessen ausreichend Wasser in einem Topf zum Kochen bringen und salzen. Die Kartoffeln im kochenden Wasser weichkochen. Währenddessen eine Zwiebel und die Pilze in kleine Würfel schneiden und in einer Pfanne glasig anbraten. Wenn die Kartoffeln weich sind, abgießen und stampfen. Die Zwiebel-Pilz-Mischung dazugeben und nach Geschmack mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Mit dem Teig und der Füllung gleich fortfahren, wie im Vareniki Rezept mit der Frischkäsefüllung.

Während die Vareniki kochen die restliche Zwiebel in kleine Würfel schneiden und in reichlich Butter anbraten. Die fertigen Vareniki in die Pfanne geben und in der Zwiebel-Butter-Mischung schwenken und anrichten.



Haluschky

In einer Rührschüssel das Mehl, Ei, Wasser und Salz zu einem Teig vermengen. Kurz auf einer bemehlten Arbeitsfläche zu einem glatten Teig verkneten. Abgedeckt etwa eine Stunde ruhen lassen. In der Zwischenzeit die Kartoffeln waschen, schälen und in mundgerechte Stückchen scheiden. In einem Topf Wasser zum Kochen bringen und ordentlich salzen. Die Kartoffeln weichkochen. In der Zwischenzeit den vorbereiteten Teig in lange Rollen mit einem Durchmesser von ca. 2 cm rollen und daumenbreite Stücke abschneiden. In einem zweiten Topf ebenfalls Wasser zum Kochen bringen. Die kleinen Teigstücke portionsweise hineingeben und aufkochen. Sie sind gar, wenn sie an der Oberfläche schwimmen. Mit einer Schaumkelle herausholen. Währenddessen Zwiebeln in kleine Würfel schneiden und in einer Pfanne mit Öl anschwitzen. Die Kartoffel- und Teigstücke kurz in der Zwiebelmischung schwenken und mit einem Klacks Smetana und frischen Kräutern servieren.

Alternative: Zusätzlich können die Haluschky auch mit Krautsalat serviert werden.



Syrnyky

Zutaten: 500g körniger Frischkäse (siehe oben), 1 Ei, 4 EL Zucker, 1 Packung Vanillezucker, ½ Tl Salz, 3 EL Mehl, Öl

In einer Rührschüssel den körnigen Frischkäse und das Ei mit einem Handrührgerät zu einer homogenen Masse verrühren. Den Zucker, Vanillezucker und Salz zugeben und gut miteinander verrühren. Anschließend das Mehl nach und nach zugeben und verrühren. Der Teig hat immer noch eine sehr klebrige Konsistenz. Jeweils 1El des Teiges auf eine bemehlte Arbeitsfläche geben. Ein Buttermesser mit Mehl bestäuben und damit den Teig zu einem Taler formen. Das Messer sollte den Teig nie ohne Mehl berühren, da der Teig sonst am Messer kleben bleibt. In einer Pfanne Öl erhitzen und die Syrniki bei mittlerer Hitze ausbacken. Sie sollten auf beiden Seiten goldbraun sein.

Die Syrnyky können einfach mit Puderzucker bestäubt gegessen werden. Traditionell werden sie mit Smetana und Marmelade serviert. Wer es ausgefallener mag, kann sie auch mit Smetana und frischen Beeren garnieren oder mit gezuckerter Kondensmilch oder Ahornsirup essen.